Shakespeares „Othello“ in Bochum

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Jago (Michael Lippold) und Othello (Arno Kempf) in der Bochumer Shakespeare-Inszenierung.

Von Elisabeth Elling Bochum - Nach einem Händedruck von Othello wischen sich die Venezianer jeden Finger einzeln ab. Sie ducken sich weg, wenn er sie zur Begrüßung umarmen will. Sie schätzen ihn als Feldherrn, doch darüber hinaus wird er gemieden. Regisseurin Brigitte Broll-Pape hat den „Mohren von Venedig“ in ihrer Shakespeare-Inszenierung am Bochumer Prinz-Regent-Theater kohlrabenschwarz schminken lassen.

Othello akzeptiert sein Fremdsein und respektiert sogar das Zurückweichen vor seinem Gruß. Arno Kempf verkörpert einen selbstgewissen Kraftmenschen, den das nicht kränkt. Solchen subtilen gesellschaftlichen und psychologischen Mechanismen spürt Broll-Pape nach, und so macht ihre spannungsvolle Produktion vor allem die Figur des Othello plausibel. Gerade weil dieser sich seines Außenseiterstatus’ vollkommen bewusst ist, kann Jago seine Intrige spinnen. Er bringt Othello auf den Gedanken, dass Desdemonas ihn, den hässlichen Mohren, sowieso nie geliebt haben könne. Und wenn doch, so sei gerade das ein Zeichen ihrer Lasterhaftigkeit.

In Broll-Papes Spielfassung ist auch Rassismus ein Motiv. „Neger“, „Nigger“ und „Wulstlippiger“ nennen ihn Jago und Rodrigo hinter seinem Rücken. Doch Broll-Pape betont, dass die Ressentiments nicht biologistische, sondern eifersüchtige Gründe haben: Jago wurde von Othello bei einer Beförderung übergangen, Rodrigo liebt Desdemona (Dagny Dewath), die Gattin Othellos.

Auf dessen unangestrengte Stärke setzt Broll-Pape zwei unterlegene Typen an. Rodrigo wird mit strähnigen Haaren, Goldkettchen und Trainingsjacke eher als Büdchen-Dauerkunde denn als Edelmann charakterisiert (Ausstatterin Trixy Royeck entwarf Gegenwartskostüme). Maximilian Strestik mischt in kleinen Gesten Eitelkeit mit Dämlichkeit: wie Rodrigo ganz schlau den Kopf schief legt, wenn Jagos Vorschläge verstanden hat.

Michael Lippold nimmt dem Jago jede äußerliche Auffälligkeit. Seine Wortgewandtheit trumpft nicht auf, unscheinbar und unbeholfen sind Haltung und Bewegungen, sein Hass ist leise und effizient. Das bebildern Jagdszenen, die auf die Wandelemente der sonst meist leeren Bühne projiziert werden: Lautlos erhaschen Gepard und Eule ihre Beute. Lippold bildet Jagos Vernichtungswillen mit konzentrierter und äußerst kontrollierter Stimmkunst ab. Die Dauerschmeichelei („Ich sage das nicht gern“), die bemühte Gefälligkeit seines sonoren Bassbaritons, verschafft dem Intriganten Gehör.

Auch die übrigen Rollen sind präzise und facettenreich gespielt. Dewath versieht die arglose, charakterstarke Desdemona mit schöner Natürlichkeit. Claudia Mau hat eine starke Szene als Zofe, wenn sie über ehelichen Treue doziert: patente Gebrauchsethik.

20, 21. September; 12., 13. Oktober; Tel. 0234 / 771117 www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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