Shakespeares „Der Sturm“ am Theater Oberhausen

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Glückliches Ende mit Diktator: Szene aus „Der Sturm“ in Oberhausen mit Jürgen Sarkiss (Mitte). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ OBERHAUSEN–Mit harter Hand packt Prospero seine Tochter Miranda am Nacken und zwingt sie, die Bilder auf all den Bildschirmen und Monitoren in der Einsatzzentrale zu betrachten. Menschen in Panik auf einem Schiff in Seenot. Die Angst der anderen verstört die junge Frau. Der Mann, der all dies mit seiner Magie anrichtet, bleibt ungerührt.

Schon mehrfach wurde Shakespeares Spätwerk „Der Sturm“ als Aufeinandertreffen der Welten inszeniert. Selten aber wurde der Komödie so sehr der heitere Zauber ausgetrieben wie jetzt von Tilman Knabe am Theater Oberhausen. Der Regisseur löste 2009 mit seiner Deutung von Saint-Saens‘ Oper „Samson et Dalila“ in Köln einen Skandal aus, weil er harte Kriegsgräuel auf die Bühne brachte. In Oberhausen hat er Enda Walshs „Penelope“ inszeniert, eine raue, geerdete Antikenvariation.

Den „Sturm“ stellt er vom Kopf auf die Füße. Man muss Prospero vielleicht so sehen, wie Knabe ihn auf die Bühne stellt: Als Wiedergänger von Bin Laden trägt Jürgen Sarkiss Pluderhose, weites Hemd und Rauschebart – ein erbarmungsloser Strippenzieher des Terrors. Nur weil sein Bruder Antonio ihn um die Macht im Herzogtum Mailand gebracht hat, muss er ja noch längst kein guter Herrscher sein.

Er führt sich auf seiner Fluchtinsel wie ein Tyrann auf und hält sowohl den rebellischen Hexensohn Caliban als auch den Luftgeist Ariel als Sklaven. Und ist es nicht Piraterie, wenn er das Schiff seiner Feinde stranden lässt? Am Ende schwört er dem Zauber ab. Er nimmt den Bart ab, zieht sich um. Und erscheint als Militärmachthaber in Uniform, mit Sonnenbrille, wie es Diktatoren so gerne tragen. Da ändert sich nur die Form der Gewalt, aber im Prinzip bleibt alles, wie es ist. Und besiegelt wird das mit ein paar Genickschüssen.

Knabe lässt es in Oberhausen richtig krachen: Ob beim Sturmestosen oder bei Granateinschlägen – Lautsprecher und Pyrotechnik werden nicht geschont. Die Bühne sieht aus wie ein Slum: Wellblechhütten und Plastikbahnen, verwitterte Mauern, und dazwischen kümmern ein paar Palmen (Bühne: Kaspar Zwimpfer).

Torsten Bauer spielt den Caliban mit bloßem Oberkörper, auf den einige markante Narben geschminkt wurden. Henry Meyer (Trinkulo) und Klaus Zwick (Stephano) bleiben als Rüpelpaar der Grausamkeit der Inszenierung nichts schuldig, da wird gern und heftig der Baseballschläger geschwungen.

Der arme Königssohn Ferdinand wiederum muss als Freier der lieblichen Miranda einiges erdulden: Gleich am Anfang einen Schuss ins Knie, anschließend mehrere Einkerkerungen in einen Schuppen, später noch einen ebenso heftigen wie mahnenden schwiegerväterlichen Griff ins Gemächt. Martin Hohner und Angela Falkenhan sorgen gleichwohl für einige helle Momente. Sonst ist der Abend düster, selbst wenn es was zu lachen gibt.

Konsequent wendet Knabe Shakespeares Theater ins Verbindliche. Er nimmt die Geschichte beim Wort, dabei muss Prospero als Sadist herauskommen. Die Versöhnung wird erzwungen, Glück ist nicht zu erhoffen. Sarkiss spielt den Protagonisten denn auch als verbitterten Rächer, der allein von Hass und Grausamkeit geleitet wird.

Selbst sein treuer Helfer Ariel ist davon nicht ausgenommen. Susanne Burkhard spielt den Luftgeist als moderne Managerin in grauem Kostüm, die ständig Handy und Laptop zur Hand hat, um das nächste Zerstörungsprogramm zu starten. Zwischen beiden steht Neigung, vielleicht Liebe, einmal umarmen sie sich sogar heftig vor dem Kühlschrank, in dem Prosperos Cola lagert. Aber am Ende, in Uniform, kennt er sie nicht mehr. Sie aber – freigelassen, fort gescheucht – findet eine Pistole, die sie lächelnd aufhebt: Die Gewalt hört nimmer auf.

Schön ist es nicht, wenn Shakespeares Optimismus so abgewürgt wird. Aber Knabe erzählt schlüssig, die Darsteller gehen ein hohes Tempo, der schwarze Humor zündet. Eine starke Leistung.

Das Stück

Prospero als Widergänger Bin Ladens. Eine düster grundierte Inszenierung. Ungewöhnlich, aber schlüssig und temporeich erzählt.

Der Sturm von Shakespeare am Theater Oberhausen.

29. April, 2., 9., 15. Mai,

Tel. 0208 / 8578 184, http://www.theater-oberhausen.de

Quelle: wa.de

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