Die „Seelenlandschaften“ von Hercules Segers und Werner Herzog in Köln

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Wie ein Gemälde, aber im Original so klein wie eine Handfläche: Die Radierung „Der Talkessel“ von Hercules Segers ist im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zu sehen.

Von Ralf Stiftel KÖLN - Der Betrachter könnte im „Talkessel“ versinken. Eine weite Landschaft mündet im Bildzentrum in einem bläulichen Dunst. Gerahmt wird das Tal von wuchtigen Felsformationen, die ein bisschen aussehen wie aus „Herr der Ringe“. Das Gestein hat nicht Wind und Regen geformt, keine geologischen Urkräfte. Hier waltete die Phantasie eines Künstlers. Diese gewaltige Landschaft, auf einem Blatt von gerade 10 mal 20 Zentimetern gedruckt, hat sich Hercules Segers ausgedacht.

Der Künstler aus Haarlem, von dem wir heute nicht einmal die genauen Lebensdaten kennen, hat ein schmales Werk hinterlassen. Aber er hat seine Zeitgenossen beeindruckt. Rembrandt zum Beispiel schätzte die Kunst seines Kollegen, kaufte seine fantastischen Drucke. Diese Faszination hat sich bis heute erhalten. Der Filmemacher Werner Herzog hat sich mehrfach auf den Visionär des niederländischen Goldenen Zeitalters berufen. Nun zeigt das Wallraf-Richartz-Museum in Köln beide in einer gemeinsamen Ausstellung: „Seelenlandschaften“.

Herzog hat vor knapp drei Jahren für das Biennale des New Yorker Whitney Museum eine Videoinstallation geschaffen, die auf den Landschaftsradierungen von Segers beruht. Nun ist „Hearsay Of My Soul“ (Vom Hörensagen der Seele) erstmals in Europa zu sehen, mit rund 60 Arbeiten von Segers und seinen Zeitgenossen.

Das Museum nutzt dabei die Popularität des vielfach ausgezeichneten Filmemachers („Fitzcarraldo“, „Nosferatu“), um eine vermeintlich sperrige Kunst vorzustellen. Die Videoinstallation arbeitet mit einem raumfüllenden Panorama aus fünf Bildfeldern, auf denen Segers’ Radierungen in Übergröße gezeigt werden. Sie fügen sich aneinander zu einer Fantasmagorie von Landschaft, zumal Herzog die Bilder nicht statisch reproduziert, sondern die Kamera über sie fahren lässt, als bewege sie sich durch eine wirkliche Landschaft. Dazu läuft Musik des holländischen Jazz-Cellisten Ernst Reijseger, der auch zwischendurch beim Spielen gezeigt wird. Die meditativen Klangflächen und die visionären Bilder von Segers ergänzen sich. Und machen Appetit auf die Originale.

Der niederländische Künstler, um 1590 in Haarlem geboren, um 1635 gestorben, war vor allem ein experimentierfreudiger Grafiker. Er hat sozusagen den Zustandsdruck erfunden, weil er als erster von einer Druckplatte in verschiedenen Stufen der Bearbeitung Abzüge nahm. Und während seine Kollegen von populären Motiven Auflagen druckten bis in den dreistelligen Bereich, bearbeitete er jedes Blatt einzeln, zum Beispiel indem er für einen weiteren Abzug grüne Farbe nahm statt schwarzer, indem er das Papier einfärbte, indem er statt auf Papier auf Leinwand druckte. Jedes Exemplar wurde dadurch einzigartig. Diese technischen Raffinessen inspirierten Rembrandt und andere Künstler. Ökonomisch erfolgreich war das aber nicht, wie schon sein frühester Biograf Samuel van Hoogstraten wusste, der 1678 schrieb: „Es wollte niemand, so lange er lebte, seine Bilder ansehen: Korbweise brachten die Drucker seine Blätter zu den Fetthändlern, Butter und Seife darin einzupacken...“

Auf einigen Blättern sieht man die Takelage eines Schiffes, die ohne Zusammenhang mit der abgebildeten Landschaft ist. Kunsthistoriker vermuten, dass Segers eine alte Kupferplatte zerschnitten und recycled hat. Ob der Effekt der Motivüberlagerung, der an ein doppeltbelichtetes Foto erinnert, beabsichtigt war oder nur in Kauf genommen: Segers publizierte diese Blätter und schuf eine neue visuelle Erfahrung.

Das Dutzend Arbeiten von Segers, darunter eins der wenigen erhaltenen Gemälde, wird abgerundet durch Grafik von Vorläufern und Zeitgenossen, von Breughel bis Rembrandt. So hat der Betrachter genug Material zum Vergleich, um das Besondere an diesem Visionär der Landschaft zu erkennen.

Bis 12.7., di – so 10 – 18, do bis 21 Uhr, Tel. 0221/ 221 211 19, www.wallraf.museum,

Katalog 12 Euro

Quelle: wa.de

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