Sebastian Nübling inszeniert Ben Jonsons „Volpone oder Der Fuchs“ am Schauspielhaus Bochum

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Was passiert mit wem? Mosca (Tim Porath, vorne) und Volpone (Mitte) mit Freaks am Schauspielhaus Bochum. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Als Blender lässt sich gut leben! Der Herr Volpone steht mit breiter Brust da, sein weißer Pelzkragen ist ein Hingucker. Er feiert sich und seine Geschäftsidee. Denn ohne Kinder und Verwandte ist der, der ihn beerbt, zwar noch nicht bekannt, aber bestimmt schon reicher. Diese Voraussage ist Geld wert, da Volpone Geschenke von jenen erhält, die sich das Erbe erschleichen wollen. Also spielt Volpone den todkranken und die Einkünfte steigen. Ein alter Trick, den der Shakespeare-Zeitgenosse Ben Jonson zum Kern seiner Komödie „Volpone oder Der Fuchs“ machte.

Regisseur Sebastian Nübling treibt Jonsons Figuren ins Bochumer Schauspielhaus, wo es zu einem drallen Schurkenstück kommt. Ein Hoch auf die Intrige. Dabei karikiert Nübling das Personal Jonsons so drastisch, das die Vorteilsnahme immer wie eine Absicht wirkt, die längst im Spotlicht der Moral und Sitte verstrahlt ist. Aus Gier folgt Lüge, Verrat, Tod. Die Ränke um das Erbe sind in der Zukunft vorhersehbar, durchsichtig und dumm. So hat Ben Jonson seine Zuschauer im 16. Jahrhundert unterhalten. Und Nübling beweist, dass es auch heute noch geht.

Ein paar kostümierte Unwesen mit Noppenanzug und Federbuschel schieben den Vorhang hoch und gesellen sich zu Volpone. Es sind Freaks, die von einem Brüllaffen angeführt werden. Tim Porath macht aus dem Volpone-Diener Mosca einen lauten Moralkiller, wie er feister kaum sein kann. Sein Redefluss reißt nicht ab, seine Arme rudern und stützen gestenreich das Erlogene. Porath gelingt dieser körperintensive Dauerkrampf im Stile Mario Barths. Der meistgesehene Comedian in Deutschland raunzt stundenlang Zotten über Mann und Frau heraus und bietet sie als tumbe und spitzbübische Erkenntnis dar. Erfolgreich. Und das ist auch Mosca. Für die Hoffnung auf Geld fallen alle Schranken. Corvino wird seine Frau an Volpone, den es in den Lenden juckt, verkaufen. Und Maja Beckmann spielt die Celia anfangs als flittchenhaftes Frauchen, das sich nur zu gern um Kopf und Ehre redet. Herrlich auch Michael Schütz, der ihren eifersüchtigen Mann Corvino gibt. Seine Bedrohung ist greifbar, so fleischlich gerät ihm die Wut. Schütz rennt wie ein Berserker durchs Schauspielhaus, seine Frau flüchtet sich über die Stuhlreihen. Beide versöhnen sich über Publikum hinweg („erst schimpft er und dann singt er“) bei dieser neckischen Schmonzette, die Maja Beckmann zum Getratsche macht: „Singt ihr Mann auch manchmal?“ B. K. Tragelehn hat Jonsons Text übersetzt und dabei neben der Versform für Gewichtiges auch Alltagssprache gesetzt. Die Figuren wirken wie von nebenan.

Die Inszenierung lehnt sich an die Stadt Bochum, kokettiert süffisant mit dem Mittelmaß und bietet eine Szene, in der Mosca Geldscheine aufliest, weil das Theater eben solche braucht. Auch die moralische Anstalt ist in der Krise. Wer wüsste das nicht?

Sebastian Nübling inszeniert „Volpone“ so rustikal auf die einzig glücklich machende Geldgier, dass Dominic Huber (Bühne) eine riesige Treppe gebaut hat, die an Revueaufgänge und präkolumbianische Tempel erinnert. Hier zieht einen der Gott Mammon an oder lässt einen herab purzeln. Alles Opfer oder was?

Voltore (Martin Horn) balanciert da elegant als Anwalt, der das Recht beugt. Wogegen Corbaccio (Jürgen Hartmann) auf Krücken über die Stufen stelzt und grell hustet. Eine Comicfigur! Nur sein Sohn Bonario (Matthias Eberle) will Volpone vor Gericht bringen und Celias Ehre retten. Frisch wirkt diese Absicht, weil sie klar und jung gesprochen ist. Doch Voltore verleumdet vor Gericht, und Corbaccio diffamiert das eigene Blut. So werden Ehrlichkeit, Anstand und Liebe unmöglich. Und der Fuchs? Matthias Redlhammer ist ein dreibastiger Volpone, der allen den Spiegel vorhält und sich beim Täuschen gefällt: Man weiß nicht so genau, wie einem geschieht. Diese hohe Kunst der Verstellung hat Regisseur Nübling auf die ganze Inszenierung übertragen. Sie ist bestaunenswert beunruhigend.

Das Stück

Ein greller Spaß, um die hohe wie rustikale Kunst der Täuschung. Volpone oder Der Fuchs am Schauspielhaus Bochum. 29. März, 9., 14. April , 4., 9., 19. Mai. Tel. 0234 / 3333 5555. www.

schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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