Der schwierige Kommissar Faber am Tatort Dortmund

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Kriminalhauptkommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) ermittelt die Windrichtung. Szene aus dem Dortmund-„Tatort“. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Gerade noch hat Kommissar Faber auf den Computer mit Tatort-Bildern geschaut, da dreht er sich zu seiner Kollegin Bönisch um: „Ich wollte dich nackt sehen, von Anfang an.“ Da reagiert nicht nur die Kommissarin verdutzt. Es ist, als ob der Mann völlig weggetreten wäre. Dabei taucht er nur in die Gedanken des Täters ein. Zug um Zug spielt er mit der Kollegin das Verbrechen nach, schlüpft in die Rolle des Schwulenmörders, der sein Opfer mit einem edlen Tuch schön aussehen lassen will.

Faber ist neu in Dortmund, obwohl er hier geboren wurde. Aber der Chef der Mordkommission, der lange in Lübeck gearbeitet hat, tritt seine Stelle gleich über einer Leiche an. So führen Thomas Jauch (Regie) und Jürgen Werner (Buch) die Protagonisten des Dortmund-„Tatorts“ ein. Keine Mätzchen. Es ist ein Wagnis, dass der WDR für das Vorzeige-Format des Ersten nach Köln und Münster noch einen dritten Schauplatz einführt. Aber es ist gelungen. Es gibt nicht einfach mehr Morde, nur in einer weiteren Stadt. Mit dem neuen Team wird auch ein neuer Ton angeschlagen.

Am meisten fällt dabei Kommissar Faber auf, den Jörg Hartmann als einen jener schwierigen Typen anlegt, wie sie seit Fitz, Monk, Dr. House und Sherlock in internationalen Produktionen längst Standard sind. Dieser Faber spricht manchmal erschreckend direkt. Man stellt ihn einem Kollegen vor, der sagt höflich: „Freut mich.“ Faber kontert: „Sind Sie sicher?“ Auf der Toilette würgt er rasch eine Pille runter, ein „mildes Antidepressivum“, das ihn normal macht, wie er seiner Kollegin Bönisch erklärt. „Ich bin kein Verrückter.“ Aber er schnüffelt an den Putzmittelflaschen und hat seine Tricks, um eine Spur auf der Zechenbrache auszumachen. Einer mit Spürnase und Einfühlungsvermögen, auch wenn er das gern verbirgt. Und hat er Heimweh, dann steigt er auf das Dach seiner alten Schule. Aber nicht, um den Sittich zu machen, wie der knurrige Hausmeister befürchtet. Der trockene Ruhrpotthumor macht auch ernsthafte Stoffe nicht unglaubwürdig.

In Dortmund ist ein Viererteam am Start, und es ist klar, dass hier neben den Fällen die Geschichte der Kommissare verfolgt wird. Die Reihenfolge der Dortmund-„Tatorte“ wird nicht egal sein, weil zwar Fälle abgeschlossen werden, das Leben für die Ermittler aber weitergeht. Eigentlich hatte Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) Chefin werden sollen. Aber sie hat abgelehnt, weshalb Faber zum Zug kam. Vielleicht sind ihre familiären Belastungen schuld, ein arbeitsloser Mann, zwei Kinder im schwierigen Alter, die dauernd anrufen. Aber das bleibt noch offen, Stoff für spätere Folgen. Ganz am Anfang steigen die beiden jungen im Team, Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske), ins Bett. Ist eine solche Liaison unter Kollegen möglich? Zumal die junge Frau mit Migrationshintergrund vom Ehrgeiz getrieben wird, sie füllt ihre Freizeit mit Liegestützen und Joggen, während man sein Hobby schon dem Klingelton anhört: einem Fangesang für den BVB. Diese Figuren, dazu noch der flapsige Pathologe mit Fliege (Thomas Arnold), bieten einem jüngeren Publikum deutlich mehr Identifikationspotenzial als die Kommissare der Großvater-Generation in Köln oder München.

Dortmund sieht sehr gut aus in dem Auftaktfilm. Als Zwischenschnitt bieten sie, auch da inspiriert von US-Serien wie CSI, den Blick über die nächtliche City vom Bahnhof über die von Mario Botta entworfene Stadt- und Landesbibliothek zum Kulturzentrum U. Die Jugendstilzeche Zollern kommt ins Bild und das Colani-Ei in Lünen. Eine moderne Großstadt, bei der die Tristesse des Taubenvaters im Vorort nur ein Detail am Rande bleibt.

Der Fall wirkt wie aus dem „Tatort“-Fundus: Morde im Homosexuellen-Milieu mit einer Fülle von Verdächtigen, vielleicht ein schwuler Serientäter, vielleicht jemand aus dem beruflichen IT-Umfeld, vielleicht der Kollege, in der Freizeit ein schwulenfeindlicher Sektenprediger. Spannend allerdings sind die Ermittlungen, zumal am Ende Faber in Gefahr kommt.

Sonntag, ARD, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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