„Schwanensee“: Münster-„Tatort“ ist kriminalistischer, aber nicht humorlos

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Tretbootfahren in Münster: Die „Tatort“-Ermittler Thiel (Axel Prahl, links) und Boerne (Jan Josef Liefers) auf Mörderjagd.

Sicher, Professor Boerne freut sich auf den Urlaub auf den Malediven. So sehr, dass er schon mal im Tauchanzug vor dem Spiegel Trockenübungen ausführt. Aber einem raffinierten Mordfall in der Therapieeinrichtung für psychisch Kranke kann er nicht widerstehen. Und so bettelt er Kommissar Thiel an, dass der ihn um Unterstützung bittet: „Ich bin bereit. Fragen Sie!“ Der Ermittler lehnt das großherzige Angebot schnöde ab: „Ich Arbeit, Sie Urlaub, ne: Bunga Bunga!“

Aber der Fan des Münster-„Tatorts“ braucht sich in der Folge „Schwanensee“ nicht zu sorgen. Einer wie Boerne lässt sich nicht abwimmeln. Jan Josef Liefers zeigt seine Figur diesmal hyperaktiv an allen Fronten, mal aus dem fahrenden Taxi heraus Akten packend, mal tauchend im Schwimmbad von „Haus Schwanensee“, mal in schwarzer Montur als Fassadenkletterer à la „Mission Impossible“. Kleinigkeiten wie Radarfallen halten diesen großen Geist nicht auf. Axel Prahl gibt den Kommissar als Gegenprogramm, mürrisch, weil der Bäcker nebenan ebenso dicht ist wie die Kantine im Polizeipräsidium. Der Hunger treibt ihn ebenso wie Kommissarin Krusenstern. Und auch wenn er sich erst treuherzig ziert, beißt er schließlich doch in ihr appetitliches Mehrkornbrötchen.

Eigentlich also läuft in Westfalen alles wie gewohnt. Vielleicht setzt das Drehbuch (Christoph Silber, Thorsten Wettcke, André Erkau) diesmal mehr auf Situationskomik und Slapstick als auf Wortwitz. Regisseur Erkau findet zudem eine eigene Balance zwischen den Kabbeleien, die das Duo zum beliebtesten Sonntags-Ermittlerteam machten, mit einem spannenden Fall aus.

Eine Frau namens Mona Lux wird ermordet im Schwimmbad aufgefunden. Seltsam ist, dass Andreas Kullmann, ein Gast des Hauses, seine morgendlichen Bahnen genau über der Toten zog, ohne sie zu bemerken. Aber Kullmann ist Autist. Sein Leiden, stellt sich heraus, ist mit einer Gabe gekoppelt, einem genialen Gespür für Zahlen. Robert Gwisdek spielt diesen stillen Helden mit hinreißender Künstlichkeit, er braucht kein Wort, keine Geste, und zeigt doch, dass dieser unauffällige Mann nicht immer bei uns weilt.

Kameramann Gunnar Fuss findet für die Welt der Patienten großartige Bilder, er zwingt dem Zuschauer eine Art Tunnelblick auf, eine Kunstwelt aus Wasser und Luftblasen. Verdächtig sind in erster Linie die schrägen Typen aus der Anstalt, die keine sein soll. Hausherr Professor Weimar (Hanns Jörg Krumpholz) betont, dass alle Gäste freiwillig da seien. Wenn Nadeshda Krusenstern sie aufzählt, zeigt die Kamera die etwas esoterische Gedenkandacht für die Tote mit Luftballonen auf einem Steg am Aasee.

Diese verhaltenen Momente geben dem Krimi einen anderen Ton. Der Zuschauer fragt sich, wo denn die wahren Irren hausen. Vielleicht doch im Präsidium, wo Nadeshda und Thiel bei ihren Fallanalysen unablässig Pistazien knabbern?

Tatsächlich ist die Identität des Opfers unklar. Mona Lux hatte eine Affäre mit dem Klinikchef. Aber sie kannte offenbar auch einen Gastronomen, der wegen Steuerhinterziehung einige lukrative Geschäfte verlor, darunter die Kantine im Polizeipräsidium. Sollte eine unbequeme Zeugin verschwinden?

Regisseur Erkau gelingt es, den Charme des Gewohnten am Münster-„Tatort“ zu erhalten und zugleich neue Facetten zu entwickeln. Die kriminellen Verstrickungen stehen diesmal deutlich mehr im Vordergrund als in anderen Fällen. Wird die beschauliche Westfalen-Metropole zum Tummelplatz des organisierten Verbrechens, so dass sich sogar das Bundeskriminalamt einschaltet? Oder geht es eher um banale Provinzvergehen, Rivalität unter örtlichen Unternehmern, oder einfache Beziehungstaten? Am Ende tragen alle aus dem Münsteraner Ermittler-Mikrokosmos ihren Teil zur Aufklärung bei. Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) telefoniert sogar mit ihrem Ex, einem hohen Tier beim BKA.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

Quelle: wa.de

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