„Schönheit“: Skulpturen von Rodin und Lehmbruck in Duisburg

Tiefe, sinnliche Innerlichkeit: Wilhelm Lehmbrucks Skulptur „Betende“ (1918) ist im Duisburger Lehmbruck-Museum zu sehen. Foto: Stiftel

Duisburg – Entrückt schaut die „Betende“ drein, ganz vertieft in ihre Gedanken. Wilhelm Lehmbruck gab der Gipsbüste hagere, überlange Arme. Manches skizzierte er nur im Material, die gefalteten Hände zum Beispiel sind bloß ein Klumpen. Man nannte diese Auffassung des Körpers bei dem Bildhauer „gotisch“, weil es auf die überlängten Figuren in mittelalterlichen Kathedralen zurückgreift. Lehmbrucks „Betende“ wirkt allerdings auch exotisch, vielleicht wie eine ägyptische Prinzessin.

Das Meditative an dieser Plastik vermittelt sich dem Betrachter unmittelbar. Dabei zeigte Lehmbruck sie ganz unklösterlich nackt. Zu sehen ist das 1918 geschaffene Werk im Wilhelm-Lehmbruck-Museum in Duisburg, in der Ausstellung „Schönheit. Lehmbruck & Rodin – Meister der Moderne“.

Anlass der Schau ist Lehmbrucks 100. Todestag: Am 25. März 1919 nahm sich der schwer depressive Künstler in Zürich das Leben. Da war er gerade 38 Jahre alt und durchaus ein bereits international anerkannter Künstler. Seine erfolgreichste Phase macht die Ausstellung in Duisburg zum Thema: 1910 war er mit seiner Familie nach Paris gezogen, in die europäische Hauptstadt der Kunst. Hier traf er auch Auguste Rodin, den Stammvater der modernen Bildhauerkunst, den er als Vorbild betrachtete. Er präsentierte seine Arbeiten in Salons. 1913 wurde in New York die Armory Show zum Forum der internationalen Avantgarde. Lehmbruck war hier mit mehreren Arbeiten vertreten. Der Weltkrieg zwang Lehmbruck zur Rückkehr nach Deutschland.

Es ist diese packende Zeit des Aufbruchs, des Übergangs von einer konventionellen zur dezidiert modernen Kunst, die in Duisburg mit rund 100 Werken beleuchtet wird. Dabei werden die Werke Rodins und Lehmbrucks ergänzt um Arbeiten wichtiger Zeitgenossen wie Camille Claudel, Constantin Brancusi, Alexander Archipenko.

Der Begriff der Schönheit wandelte sich unterdessen, wie ein Raum der Ausstellung belegt. In der etablierten Kunst des 19. Jahrhunderts war diese Kategorie geradezu standardisiert: Man präsentierte zum Beispiel idealschöne Körper in klar umrissenen Situationen. Man sieht das an dem Motiv der „Badenden“, das mit Arbeiten von Reinhold Begas („Nach dem Bade“, 1856/58) und Alfred Boucher („La beigneuse“, 1902) vertreten sind. Der weibliche Körper wird in einen Alltagskontext gesetzt, um Nacktheit zu legitimieren. Mit dieser Kunstauffassung brach Rodin radikal, und geradezu programmatisch steht dafür seine Kleinskulptur „Celle qui fut la Belle Heaulmière“ (Die einst schöne Helmschmiedin, 1880/83). Schonungslos zeigt er hier den entblößten Körper einer alten Frau, den Bauchansatz, die erschlafften Brüste, Falten und Runzeln. Er definiert neu: „Nur dort ist Schönheit, wo Wahrheit ist.“ Nicht das geglättete, idealisierte Motiv macht die Schönheit aus, sondern eine gesteigerte Erfassung der Wirklichkeit. Der bronzene Porträtkopf des Mannes mit gebrochener Nase (1890), eins der berühmtesten Werke Rodins, spricht heute zum Betrachter, gerade weil der Künstler seine Darstellung nicht überhöhte, sondern ungeschönt auch die Deformation abbildete. Auch ein hässliches Motiv kann zu einem schönen Kunstwerk führen.

Auch das auftrumpfende „Je suis belle!“ (Ich bin schön, 1885), eine Kleinbronze, fügt sich nicht den Konventionen. Die Frau, die das ausruft, hat sich hoch in die Arme des stehenden Mannes geworfen und zusammengerollt wie ein Paket, das er nun stemmt wie eine Last. Rodin zeigt hier einerseits gelöste, freie Erotik in einer spontanen, fast tänzerischen Bewegung. Zugleich verteilt er hier Rollen, man kann das Verhältnis von Tragen und Getragenwerden ja auch verallgemeinern – sonderlich emanzipiert war der Künstler nicht.

Auch Lehmbruck formulierte die Themen der Skulptur neu. Und obwohl Rodin für ihn Vorbild und Inspiration war, folgte er dem Meister längst nicht in allem. Der Denker (1880/82) ist noch so eine ikonische Schöpfung Rodins, die in Duisburg im originalen, knapp 72 cm hohen Format gezeigt wird und nicht in der späteren monumentalen Version. Lehmbruck mokierte sich, die Skulptur sei „muskulär wie ein Boxer“ und entwarf als Gegenmodell seinen „Sitzenden Jüngling“ (1916/17), der eben nicht wie ein antiker Athlet wirkt (Rodin hatte in dem Werk ja wirklich einen Boxer porträtiert). Lehmbrucks Figur hat wieder gelängte Gliedmaßen, und mit seinem geneigten Kopf, dem nach unten gerichteten Blick scheint er sich zur Kugel ballen zu wollen, abzuschließen gegen die Außenwelt. Vergeistigung findet sich hier sicher prägnanter ausgedrückt als beim berühmteren Werk des Franzosen.

Solche Gegenüberstellungen machen die Schau zu einem Erlebnisparcours für Freunde der plastischen Kunst. Die Arbeiten sind in thematischen Kapiteln gestellt, und schon der Raum mit den Arbeiten zu Tanz und Bewegung ist wundervoll. Rodin löst sich in seinen kleinen Bronzen komplett vom klassischen Formenkanon und zeigt die Tänzerinnen in den exaltiertesten Haltungen. „Mouvement de danse G“ (1911) ist wie ein Schnappschuss in Bronze, die Tänzerin steht auf den Zehen eines Beins, hat das andere Bein neben den Kopf gehoben. Diese Position wird sie nur einen Moment lang halten können, und die Dynamik des Augenblicks ist hier eingefangen. Auch Lehmbruck thematisiert Bewegung in seinen Arbeiten wie dem Torso der Schreitenden (1913/14) und im „Emporsteigenden Jüngling“ (1913/14). Und man kann sich daneben auch an Arbeiten zeitgenössischer Künstler freuen wie an der eleganten Bronze „La Valse“ (1889/1903) von Camille Claudel.

Die Schau ist überaus ansprechend präsentiert: Einige Räume vermitteln mit Fototapeten das Originalambiente der Armory Show oder des Pariser Salons. Lehmbrucks über zwei Meter hohe „Große Sinnende“ (1913/14) wird vor einem Spiegel gezeigt, so dass man auf einen Blick die Komposition der Figur aufnehmen kann. Schönheit ist hier reichlich zu finden.

Eröffnung Samstag, 16 Uhr, bis 18.8., di – fr 12 – 17, sa, so 11 – 17 Uhr,

Tel. 0203 / 283 26 30, www. lehmbruckmuseum.de,

Katalog, Hirmer Verlag, München, 15 Euro

Quelle: wa.de

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