Schönes Elend: Porgy und Bess in Köln

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Porgy (Terry Cook) und Bess (Morenike Fadayomi) in der Philharmonie Köln.

KÖLN– Was für ein malerisches Elend! In der Catfish Row, einer Ansammlung armseliger Häuser, leben Fischer und einfache Arbeiter. Sie haben es schwer, doch bei aller Härte ihres Lebens singen und tanzen sie, verehren Gott und verlieren nicht ihren Humor. In diesem Umfeld hat George Gershwin seine Oper „Porgy and Bess“ (1935) angesiedelt. Sie ist als Sommerbespielung derzeit in der Philharmonie Köln zu sehen. Von Edda Breski

Für sein Werk, dass er als „folk opera“ bezeichnete, recherchierte der Komponist in Charleston, wo die literarische Vorlage, DuBose Heywards Roman „Porgy“, spielt, und studierte die „Gullah“, den Dialekt der schwarzen Arbeiter. Zu Gershwins Lebzeiten hatte „Porgy and Bess“ wenig Erfolg, wurde aber ab 1942 zum Schlager. In Köln zeigt das New York Harlem Theatre eine farbige, griffige Inszenierung, die seit Jahren erfolgreich um die Welt tourt.

Die Besetzungsliste liest sich eindrucksvoll; alle Solisten haben mit namhaften Opern-Orchestern, -Dirigenten und -Regisseuren gearbeitet. Ihre Fähigkeiten werden besonders gefordert durch die Anordnung der Mitwirkenden: Da die Kölner Philharmonie nicht über einen Orchestergraben verfügt, spielen die Musiker im unteren Foyer, die Musik dringt aus dem Bühnenhintergrund nach vorne. Die Anweisungen des Dirigenten William Barkhymer verfolgen die Sänger per Monitor. Die Stimmen werden elektronisch verstärkt. Das Resultat ist ein überraschend gut gesteuerter Klang, wenn auch die Stimmen in den Massenszenen Übergewicht bekommen.

Die Inszenierung (Baayork Lee) ist perfekt an die kleine Spielfläche in Köln angepasst: bewegliche Elemente zeigen die Catfish Row mit ihren schmalen Häusern, das Innere von Serenas Haus und Kittiwah Island, wo Bess ihren Liebhaber Crown wiedertrifft.

In den Titelrollen glänzen Terry Cook und Morenike Fadayomi. Cook vereint Kraft – in den Szenen nach Crowns Tod – mit lockender Geschmeidigkeit („Bess, you is my woman now“) und Leichtigkeit („I got plenty o‘nutting“). Auch Fadayomi hat eine robuste und flexible Stimme und glänzt in den Duetten mit Porgy wie auch in der Auseinandersetzung mit Crown. Michael Redding gibt einen kraftsprühend-vitalen Bösewicht. Ingesamt überwiegen schwere, dramatische Stimmen. Gershwin selbst hat verfügt, dass mit Ausnahme konzertanter Aufführungen sein Werk nur von Schwarzen gesungen werden darf. Alison Buchanan gibt die frömmelnde Serena, als Clara glänzt Dara Rahming vor allem mit dem berühmten Wiegenlied „Summertime“. Zusätzliches Kolorit bringt Marjorie Wharton als Maria mit schrillen Zwischenrufen und krächzendem Sprechgesang ein.

Die „folk opera“ ist in einem explosiven Spannungsfeld angesiedelt: zwischen der vibrierenden, selbstzerstörerischen Energie der Golden Era, der Folklore – für Gershwin die Darstellung des Lebens der schwarzen Gemeinschaft mit den Mitteln des weißen Theaters –, und dem Elend der armen Bevölkerung. Die Inszenierung nimmt all das mit Humor und Gelassenheit – vielleicht zuviel. So sind die Schikanen der weißen Ordnungshüter Episoden, die die Menschen eben ertragen.

Der Dealer Sportin‘ Life (großartig: Chauncey Parker), Porgys und Bess‘ Nemesis, benimmt sich wie ein böser Clown. Großartig der Auftritt mit dem blasphemischen Lied „It Ain‘t Necessarily So“, in dem Sportin‘ Life mit Bibelverhöhnungen die Gemeinschaft der Catfish Row verführt. Die Regie spielt mit Verweisen auf eine Massenorgie oder ein Ritual.

Für die die Trauerfeier und die Hurrikan-Szene, in denen Gershwin mit musikalischen Elementen wie Call und Response arbeitet, verwendet die Broadway-Regisseurin Baayork Lee traditionelle Zeichen schwarzer Frömmigkeit und Religionsausübung wie Klatschen und ,Shouting‘ – bestätigende Zwischenrufe.

Die ganze Aufführung ist einer traditionell-folkloristischen Carmen-Inszenierung nicht unähnlich: in ihrer Buntheit, den Charakteren der malerischen Armut und dem unwiderstehlichen Appeal der Gesetzlosen. In der Catfish Row wohnt das Elend – aber was für ein fröhliches!

Quelle: wa.de

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