Schleefs „Gute Reise auf Wiedersehen“ bei den Ruhrfestspielen

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Junge Frauen spielen alte Damen: Szene aus Einar Schleefs Stück „Gute Reise Auf Wiedersehen“ mit Sophie Engert, Katja Brenner und Ninja Reichert (von links). ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Polizist Meier sächselt und stottert. Das geht nicht in der wiedervereinten Polizei, also kriegt er Nachhilfe vom Hauptkommissar (Jochen Strodthoff). Den nennt Meier (Werner Halbedel) außerdem ständig versehentlich „Genosse“, dafür muss er Zungenbrecher aufsagen und zugleich Kniebeugen und Liegestütze machen. Da kommt Freude auf!

Das Stück „Gute Reise auf Wiedersehen/Totentrompeten IV“ ist der Abschluss einer Tetralogie von Einar Schleef. Der Schriftsteller und Theatermacher begann sie 1995 mit dem Stück „Totentrompeten“, den zweiten und dritten Teil erlebte er noch in Aufführung. Zehn Jahre nach seinem Tod bringen das dramagraz und die Ruhrfestspiele Recklinghausen den vierten und letzten Teil in der Uraufführung auf die Bühne. Das Stück erzählt weiter von drei Frauen aus dem anhaltinischen Sangerhausen, Schleefs Heimatort. Sie verarbeiten deutsche Geschichte. Kontinuität wird durch die vorgeschaltete Polizisten-Farce hergestellt. Meier ist eine Figur aus den vorhergehenden Stücken, das wird in einer Fotorückblende verdeutlicht: Er hatte was mit den drei Damen.

Aber jetzt ist Wiedervereinigung. Trude, Elly und Lotte haben eine Reise gewonnen, sind in Berlin gelandet. In einem schäbigen Hotel fallen sie knapp zwei Stunden verbal übereinander und sich selbst her. Trudes (Katja Brenner) Mann war Nazi, damals – das hat sie den anderen nie erzählt. Im Westen ist alles schlecht: „aus den Wänden kommt nur parfümierte Luft.“ Und gibt‘s eigentlich die Degussa noch, die damals Zyklon B nach Auschwitz lieferte? Denkschablonen und Witzchen liefern den Hintergrund für bittere Ausbrüche: Die Damen sind resigniert, aber unversöhnt mit dem, was war. Ein Zimmer weiter hocken saufende Männer, kundschaftet Elly (Sophie Engert) aus. Sie würde gern mal – aber sie ist alt geworden.

Trotzdem hat Regisseur Ernst Binder die drei Damen mit jungen Frauen besetzt, die sich in Vorkriegsmode in Pose werfen. Ninja Reichert sieht als Lotte aus wie eine Mischung aus Kommunionkind und Horror-Statistin (Ausstattung: Vibeke Andersen). Trude thront im lächerlich überladenen Brautkleid auf dem Klo. Schleef stellte Brüche dar, Binder konstruiert sie nach. Wie ein Alien steht eine Frau (Bettina Wenzel) mit blauem Lippenstift, Pagenkopf und Lufthansa-Kranich auf dem Kleid herum, die falsettierend Laut gibt, sobald ein Einfluss von außen die drei stört: Mürbe Steinbrocken fallen, Schutt liegt herum (Bühne: Binder).

Die Sprache ist ältlich-derb, vereint Mundart, Altmodisches und kommt oft ohne Verben aus. „Ratzt heime!“ brüllt Elly die Gefährtinnen an, die schlafen, obwohl drüben Männer sind. „Du Blähziege!“ beschimpfen sie einander. Schleef wollte Sprache aufbrechen; im Aneinanderrumpeln der Satzblöcke, der hingespuckten Wortknollen Auflösung demonstrieren, große Historie in private Befindlichkeit übersetzen. Aber das Zuhören ist mühsam, trotz guter Diktion der Sprecher; die Szenen ziehen sich bis ins Banale.

Der Epilog eines alten Mannes (Ingo Waszerka) greift Naturbildsprache auf: Kindheitserinnerungen der Frauen an Ernte und Feuer gehen über in den Monolog über Verwurzelung (aus Schleefs Roman „Gertrud“). Davon abgesehen, dass Metaphern haken, ist auch diese Szene mit 15 Minuten zu lang für ihren Gehalt.

28. Mai, Tel. 0 23 61 / 92 18 0, http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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