Schlagzeuger Simone Rubino in Dortmund

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Der Schlagzeuger Simone Rubino begeisterte mit Vielseitigkeit im Konzerthaus Dortmund.

DORTMUND - Musik ist eine zutiefst visuelle Kunst, und wer‘s nicht glaubt, soll einmal versuchen, vor einem Sinfonieorchester in Aktion die Augen geschlossen zu halten. Das klappt nicht sehr lange, der Reiz ist zu groß. Sehenswert war schon das Instrumentarium beim Auftritt des Percussion-Künstlers Simone Rubino im Konzerthaus Dortmund. Das Schlagwerk erstreckte sich über die Bühne wie der Tanzplatz eines Derwischs.

Der erst 24-jährige Rubino gewann 2014 den ARD-Musikwettbewerb. In Dortmund trat er in der Reihe „Musik for Freaks“ auf, mit der das Haus ungewöhnliche Musik in kleinem Format bietet. Die Besucher saßen in einem Halbkreis auf der Bühne oder direkt darüber auf der Chorempore.

Die verbindende Idee in dem Programm war diese: Schlagwerk ist ein Orchester aus eigenem Recht. Und: Es muss nicht immer laut sein. Das erste Stück, „Asventuras“ von Alexej Gerassimez, erfordert nur eine Snare Drum. Rubino arbeitet sogar zunächst nur mit den Schlegeln, lässt den Holzklang sprudeln. Der Trommelpart klingt einigermaßen militärisch mit seinen Wirbeln und abrupten Pausen. Rubino bearbeitet das Fell mit Fingernägeln und Fäusten und erzielt damit sehr eingängige Effekte, als würde man jemanden weglaufen hören.

„Esegesi“, eine Komposition für Vibraphon, wurde für Rubino geschrieben. Er spürt gern dem Schönklang der Instrumente nach, das wird man auch in seiner Eigenkomposition, dem Choral für Marimbaphon, hören, in dem die Oberstimme wie ein gesummtes Lied über einer leise flimmernden Begleitung liegt. „Esegesi“ ist eher eine Begegnung mit Bekannten: Bach morpht in Jazz, Jacques Loussier lässt grüßen. Dann klingt das Vibraphon zuckrig wie die Celesta im Weihnachtsballett, und wabert skurril aus, als Rubino beim letzten Ton die Platte mit dem Mund dämpft. Willkommen im Wunderland.

Geschlossener wirkt die „Toccata“ für Marimbaphon von Anna Ignatowicz: Sie entwickelt sich aus einem langsamen Wirbel, über dem sich Melodieversuche entfalten. Rubino ist weniger exzessiver Drummer als einer, der in sein mächtiges Instrumentarium hineinhorcht. Deswegen wirkt „Power Station“ für Drumset von Carlo Boccadoro ein wenig akademisch: Trommeln, Becken und Pfeife leihen sich Ambiente von der Samba. Das führt Rubino geradlinig aus. Interessant ist der Mittelteil, in dem er zu Filzschlegeln wechselt. Er klingt, als habe man die Party unter Wasser verlagert.

In „Bad Touch“ von Casey Cangelosi mimt Rubino im Dunkeln mit orange glühenden Schlegeln eine Erzählung. Vom Tonband läuft ein verzerrter Dialog, und Rubino schlägt auf die Akzente wie weiland im Stummfilm.

In den Dialog mit der Maschine tritt er in Bruce Hamiltons „Interzones“ für Vibraphon und Tonband. Swing, Jazzrock, die Konzeptkunst der Neuen Musik kommen hier zusammen, und ein leises Unbehagen beim Wettstreit von Mensch und Maschine um Präzision.

Mit „Rebonds B“ von Iannis Xenakis gab es noch einen Klassiker, von Rubino mit fokussierter Energie auf den Höhepunkt zugesteuert. Ein feines kleines Konzert.

Quelle: wa.de

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