Schimmelpfennigs Stück „Der goldene Drache“ in Bochum

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Die Fünf vom Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Der Zahn ist völlig verfault. Der kleine Chinese schreit vor Schmerzen in der winzigen Küche des Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurants „Der goldene Drache“. Das könnte die Kunden verstören. Geld hat der Kranke so wenig wie gültige Papiere. Ein Zahnarzt kommt also nicht in Frage. Darum greift der ältere Kollege zur Rohrzange. Die Operation auf der kleinen quadratischen Plattform wird zur Pantomime, bei der sich fünf Schauspieler nach Kräften verrenken. Und dann fliegt der morsche Zahn durch die Luft, fliegt, fliegt, fliegt, während der Koch gerade in der Thai-Suppe rührt...

Was alltäglich anmutet, wird in Roland Schimmelpfennigs Stück „Der goldene Drache“ zum punktgenauen Stück über Ausbeutung von Flüchtlingen. Sibylle Broll-Pape inszeniert das vierte Werk des Dramatikers am Bochumer prinz regent theater. Der Autor hatte 2009 die Uraufführung am Wiener Burgtheater besorgt. Die Messlatte liegt hoch. Aber die freie Bühne meistert die Herausforderung souverän.

Schimmelpfennig kombiniert klassische Bauprinzipien wie die Einheit von Ort und Zeit mit filmischen Schnitttechniken und einem epischen Stil, bei dem die Darsteller erzählen, was sie tun, und eine Pause, die sie machen, auch noch als „Pause“ sprechen.

Die fünf Darsteller spielen mit unglaublichem Elan eine Fülle von Personen. Wolfram Boelzle und Arne Obermeyer binden sich ein Tuch um den Hals und verwandeln sich in zwei Stewardessen, die im Restaurant Thai-Suppe bestellt haben. Katharina Brenner, die sonst so eifrig im Wok rührt, zieht einen schlabberigen Bademantel über und mutiert zum alten Ladenverkäufer. Katrin Schmieg streift schnell die Jacke ab und wird zum Mann im gestreiften Hemd, dem die Geliebte untreu wurde. Alexander Ritter stützt sich auf einen Stock als Greis, der wieder jung sein möchte. Männer sind Frauen, Junge sind Alte, weil hier eigentlich jeder sich in einen anderen Zustand wünscht. Das geht leichtfüßig und selbstverständlich, alles auf offener Bühne, und trotzdem funktioniert die spielerische Magie, die schon im Kindertheater Teppiche fliegen und Drachen sprechen lässt.

Die Szenen fügen sich zur traurigen Geschichte vom Jungen aus China, der seine Schwester sucht, sich ihr auch nah fühlt, aber sie nie erreicht, weil ihn der Zahn umbringt. Eingefügt sind märchenhafte Szenen aus der Fabel von der Grille (Ritter) und der Ameise (Brenner). Doch hier macht sich die Ameise zum Zuhälter ihres Mitinsekts, lässt andere Ameisen ran, bis das zerbrechliche Wesen kaputtgeht. Fantastische Momente fügen sich nahtlos ein.

Es unterhält großartig, wenn die Ameise kreischt, sie gebe nichts ab, wenn die Köche auf der kleinen Plattform umeinanderwuseln und Rezepte in allen Zutanen ausbuchstabieren, wenn zwei Frauen spielen, wie sie als Männer Treppen steigen. Und doch spürt man die Grausamkeit des Lebens unter unglücklich Liebenden und erst recht gegenüber den Fremden, die im fremden Land nicht ankommen dürfen.

30., 31.3., 14., 15.4.,

Tel. 0234/ 77 11 17,

http://www.prinzregenttheater.de

Quelle: wa.de

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