Schenkung Schröder: Das Museum Ludwig präsentiert die Kunst der 1990er

Ein Rückzugsort: Ludwig Duwenhöggers „Room for the Student with a Sense for Beautiful Things“. Foto: Stiftel

Köln – Auf den ersten Blick wirkt Renée Greens Arbeit von 1992 einfach nur hübsch. Eine wandfüllende Stofftapete, bedruckt in zartem Rot mit Blüten und Ranken, zwischen die pastorale Liebesszenen im Stil des Rokoko gesetzt sind. Doch man sieht nicht nur schmusende Paare, sondern auch eine Reihe von Galgen. Im Vordergrund zieht gerade ein Afrikaner einen europäischen Uniformierten am Strick in die Höhe. Die US-Künstlerin erinnert mit „Mise-en-Scène: Commemorative Toile“ an den Sklavenaufstand von Saint-Domingue, aus dem der unabhängige Staat Haiti entstand.

Die Arbeit ist im Kölner Museum Ludwig zu sehen, in der Ausstellung „Familienbande. Die Schenkung Schröder“. Die Schau verdankt sich einem erfreulichen Anlass: Der Berliner Galerist Alexander Schröder und seine Familie schenken dem Haus 29 Kunstwerke, zum Teil raumfüllende Installationen, die hier vorgestellt werden. Aber die von Barbara Engelbach kuratierte Schau ist mehr als bloß die Inventur einer großzügigen Geste. Sie fügt Arbeiten aus der Sammlung des Museums hinzu und bietet einen beeindruckenden Schnitt durch eine Aufbruchszeit, die gerade historisch wird. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior freut sich nicht nur über die Wiederbegegnung mit Arbeiten, deren Entstehung er gleichsam miterlebte. Er sieht auch, dass die Schenkung mit prägenden Arbeiten von heute hoch gehandelten Künstlern Lücken in der Sammlung schließen.

Schröder, Spross einer Sammlerfamilie, hatte selbst zeitweilig daran gedacht, Künstler zu werden. 1994 hatte er, noch als Kunststudent, mit Thilo Wermke in Berlin die Galerie Neu gegründet. Er selbst sammelte, was gerade entstand. Ein Hot Spot war damals Köln, wo sich eine neue Szene formierte, die besonders auf Kollaborationen, auf Vernetzung Wert legte. Darauf spielt auch der Titel an: „Familienbande“, das bedeutet hier gewählte Verbindungen. Es gab ebenso eine Verbindung in die USA, nach New York. Cosima von Bonin präsentierte 1993 in ihrer ersten Einzelausstellung in der New Yorker Andrea Rosen Galerie neben einem eigenen Video vor allem Arbeiten befreundeter Künstler. Die US-Künstlerin Andrea Fraser lernte für eine Performance eine Rede von Martin Kippenberger auswendig und reproduzierte sie (obwohl sie nicht deutsch spricht) samt der Gesten. Das Video „Art Must Hang/Jetzt kommt ein Künstlerwitz“ (2001) ist in der Schau zu sehen.

Es ging nicht mehr um einen prägenden Stil, sondern man fokussierte sich auf Themen. Und dafür setzten Kai Althoff, Isa Genzken, KP Brehmer und andere ein, was gerade zur Hand war: Mal gegenständliche Malerei, mal gefundene Objekte, mal abstrakte, minimalistische Formen.

Schon die früheste Arbeit der Schau, KP Brehmers 1972 für die documenta geschaffene Installation „Korrektur der Nationalfarben, gemessen an der Vermögensverteilung“ zeigt das. Da hängt die deutsche Fahne von der Wand, allerdings hat Brehmer (1938-1997) jeder Farbe eine soziale Schicht zugeordnet. So schrumpfen schwarz (Mittelstand) und rot (restliche Haushalte) zu schmalen Streifen, während gelb (Großkapital) dominiert.

Kai Althoff thematisiert in seiner Installation „Hilfen und Recht der äußeren Wand (an mich)“ (1997) die Mechanismen des Kunstbetriebs. Im Zentrum stehen 14 graue Stellwände, so wie in vielen temporären Galerieausstellungen, aber Althoffs Platten bleiben leer. Stattdessen zeigt er an den Außenwänden um die Platten starkfarbige Aquarelle – allerdings nicht die Originale (die er vernichtete), sondern Reproduktionen.

Cosima von Bonin nähte Tücher aneinander. Die Arbeit ohne Titel (1996) reagiert in ihrer reduzierten Strenge auf den Minimalismus und unterminiert, ironisiert ihn zugleich. Ihre Kreidezeichnung eines Portals ohne Titel von 1993 lagerte sie in einem Wellensittich-Käfig, die Vogelkacke gehört zum Werk.

Der US-Künstler Tom Burr fotografierte in Palm Beach die Anwesen der Reichen und Schönen (1999). Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen im nüchternen Stil der Bechers zeigen vor allem meterhohe Hecken, die den Wohlstand der Anwohner dem Blick entziehen. Ein Architektur- bzw. Gartenbau-Detail markiert soziale Abgrenzung.

Auf eine eher formale Weise reagiert Isa Genzkes säulenförmige, 3,20 Meter hohe Skulptur ohne Titel (1998) auf das Raumgefühl von Metropolen: Man denkt vor der schlanken Stele an Wolkenkratzer.

Schröder suchte eigensinnige Positionen abseits des Mainstream. Er war auch offen für Positionen des Feminismus und der queeren Kultur, die für die Zeit ebenfalls prägend waren. Lukas Duwenhögger baute 1995 ein Möbel von 1919 nach, den „Raum für Studenten mit Sinn für schöne Dinge“. Es ist ein Diwan, den man mit Vorhängen komplett vor Einblicken abschirmen kann. Die Bezeichnung war ein Code dafür, dass Homosexuelle angesprochen waren, und man sinniert über die Haltung dahinter: Einverständnis, Verdrängung, Ausgrenzung?

Die britische Künstlerin Hilary Lloyd kehrt in ihrer Dia-Show „Untitled (Cut-Outs)“ (2006) den männlichen sexualisierten Blick um. Sie montiert Ausschnitte aus kommerziellen Fotos, die jeweils den Schritt eines Mannes zeigen.

Bis 29.9., di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0221/ 221 26165, www.museum-ludwig.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 29 Euro

Quelle: wa.de

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