Schauspiel in Dortmund: „Zero Tolerance“

Von Tobias Schröter ▪ DORTMUND–Sie drehen sich im Kreis. Jeden Abend hocken Shaun, Ed und Liz in ihrer Stammkneipe „Winchester“. Shaun schläft bereits mit dem Kopf auf dem Tresen, sein einsamer Mitbewohner Ed verkippt auf der anderen Seite der Theke ständig Bier und Shauns Freundin Liz verzweifelt nörgelnd an ihrem Unglück. Untermalt wird die Tristesse durch eintönige Musik aus dem Radio, die nur unterbrochen wird von den „Vier-Uhr-Nachrichten“ des Senders Bash.FM, in denen DJ Grant Mazzy Alltags-Meldungen aus der Wirtschaft verbreitet.

So beginnt „Zero Tolerance – Tötet die Kreativen“, das zweite Stück der Serie „Stadt ohne Geld“, in der das Schauspiel Dortmund die heikle Finanzlage der Stadt und entsprechende Auswirkungen auf das Theater in Aufführungen, Diskussionen und Filmnächten zum Thema macht. Für die Inszenierung, die am Mittwochabend im Schauspielfoyer uraufgeführt wurde, steuerte Alexander Kerlin den Text bei und führte auch Regie.

Das spartanische Bühnenbild aus Spanplatten und halbvollen Bierflaschen ändert sich nicht, das gesamte Stück spielt im „Winchester“. Denn schnell wird klar: Aus diesem Kreislauf gibt es kein Entkommen. Mehr noch: Draußen lauert eine schlimme Bedrohung. Eine zombieähnliche Meute wandelt durch die Stadt und infiziert sämtliche Menschen mit einer pro-kapitalistischen Einstellung. Wann immer also eine der drei Personen in einem Anflug von Selbstverwirklichungs-Drang oder einfach nur blindem Aktionismus ausbricht und das schützende Winchester verlässt, kehrt sie blutverschmiert und infiziert zurück. Und sie benutzt plötzlich ungewollt verhasste Begriffe wie Corporate Identity oder Latte Machiatto.

Das hört sich alles reichlich grotesk an. Bei dem großen Durcheinander von wirren Dialogen und horror-ähnlichen Unterbrechungs-Szenen, in denen die Figuren vor einer unbekannten Macht erzittern, erschließt sich kaum, dass eigentlich das Prinzip der Kreativwirtschaft angeprangert werden soll. In der Kreativwirtschaft muss letztlich jede Idee, jede Fantasie finanziell verwertbar sein, sonst bleibt sie nutzlos. Kulturinstitute, wie das Schauspielhaus fürchten, dass sie wirtschaftlicher werden sollen und dabei den Freiraum einbüßen, den Kulturarbeit braucht, um künstlerische Maßstäbe zu setzen.

Problematisch ist auch, dass der in Schlafanzug und Badeschlappen gekleidete Shaun – wie Ed und Liz – kaum als Vertreter der Kunstszene zu erkennen ist. Auch die Zombie-Szenen, die dem Horrorfilm-Genre entnommen sind, bleiben plakativ und übersteuern den Gegensatz zur „Kreativwirtschaft“.

Da nützt auch die eindringliche Schauspielleistung von Sebastian Kuschmann, Caroline Hanke und Matthias Breitenbach nichts – zu abstrakt und verworren sind Handlung und Text. Konstruktionen wie Shauns Erkenntnis „Wir müssen so werden wie die, damit wir so bleiben können, wie wir sind!“ gehören da noch zu den klarsten Botschaften.

Am Ende bleibt die Kapitulation: Shaun, Liz und Ed nehmen wieder Platz an der Theke, trinken Bier – und geben sich auf.

Quelle: wa.de

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