„Kaspar Hauser“ am Schauspiel Dortmund

+
Die Produktion „Kaspar Hauser“ stellt den neuen Kindersprechchor am Schauspiel Dortmund vor.

DORTMUND - Der Strom der Menschen will nicht enden. Immer noch mehr Männer und Frauen kommen ins Studio des Theaters Dortmund, bis mehr Leute auf der Bühne stehen als davor sitzen. Dabei ist die Vorstellung ausverkauft. Aber bei der Produktion „Kaspar Hauser und die Sprachlosen von Devil County“ herrschen besondere Bedingungen. Hier spielt der Sprechchor des Hauses, das 17. Ensemblemitglied.

Im Mai 2011 wurde das einzigartige Beteiligungsprojekt von den Dramaturgen Alexander Kerlin und Thorsten Bihegue gestartet. Laien wirken unter professionellen Bedingungen an den Produktionen wie „Der Meister und Margarita“ mit. Und sie haben die Hauptrolle in eigens für sie konzipierten Stücken. Wie jetzt in dem gut 70-minütigen Abend, den Kerlin und Bihegue über das Findelkind Kaspar Hauser gestalten, angelehnt an Peter Handkes Stück „Kaspar“, mit Texten vieler weiterer Autoren.

Die Geschichte des rätselhaften Jugendlichen, der im Sommer 1828 auf dem Marktplatz von Nürnberg stand, sprachlos, unwissend, eignet sich perfekt, um einen Neuzugang vorzustellen: den Kindersprechchor. Gut ein Dutzend Mädchen in feinen weißen Kleidern, Jungs in altertümlichen Anzügen spielen wunderbar mit. Mit großer Sicherheit sagen die Kinder auch Solopassagen auf, die von Kaspars Leben berichten.

Das Stück besteht aus unverbundenen Szenen, die sich mosaikhaft zu einer geradezu philosophischen Abhandlung über das Aufwachsen und Lernen, über Liebe und bloßes Geduldetsein, über Fremdheit und Vertrautheit fügen. Livemusik von Tommy Finke, der in der kommenden Spielzeit Paul Wallfisch als musikalischer Direktor des Schauspiels ablöst, bindet die Auftritte zusammen. Der Sprechchor bietet die Chance zu wirklichen Massenauftritten, wie man sie selten im Theater erlebt. Die Wörter werden dabei manchmal zu regelrecht musikalischen Baustücken, zum Beispiel wenn der Chor sagt: „Ich möchte einmal etwas ohne Worte sagen“, wieder und wieder, und mit immer neuer Betonung, so dass der Satz etwas anderes mitteilt, wenn der Akzent auf dem „Ich“ liegt, auf dem „ohne“ oder auf dem „sagen“.

Kein traditionelles Theaterstück ist also zu erleben, sondern eine neue Kunstform, freilich mit sehr theatralischen Mitteln. Eindringlich zum Beispiel eine Geburtstagsszene, die mit einem Liedchen beginnt. Dann sitzen die Sprechchorkinder in einer Reihe auf der Bühne, und die Erwachsenen bilden ein schier nicht abreißendes Defilee, bei dem jeder ein Päckchen mitbringt. Die Kinder werden zugepackt mit Geschenken. Und die Stimmung wird aggressiver: Die Großen mutieren von den großzügigen Tanten und Onkeln zu Fordernden. „Gib uns endlich auch mal was.“ Und die Kinder wehren sich mit formelhaften Sätzen: „Zu viele Leute, zu wenig Sonne. Zu viel Zucker, zu wenig Gemüse. Zu viele Geschenke, zu wenig Tamtam.“ Die Erziehung Kaspers mündet in einen rasanten Kanon aus Befehlen: „Trink, sitz, lauf, fühl, fühl, denk.“ In solchen Momenten wird die besondere Qualität des Sprechchors, die Möglichkeit, Masse auf die Bühne zu bringen, unmittelbar deutlich.

Ein großer Teil des Abends besteht aus Auftritten und Abgängen, damit verschiedene Gruppen des Chors zwischen den Tutti-Passagen ihre Sprechparts vortragen. Aber es gibt auch großartige Choreografien, zum Beispiel eine Art Disco-Tanz. Dann wieder blasen alle weiße Ballons auf, die ins Publikum geworfen und im Takt zum Flohwalzer zerstochen werden.

Mit diesem Abend zeigt das Theater Dortmund erneut, wie bereichernd die Lust am Experiment und die Suche nach neuen Spielmöglichkeiten ist. Dass alle Vorstellungen dieser Spielzeit ausverkauft sind, hat natürlich damit zu tun, dass die Verwandten und Freunde gern den Aktiven zuschauen. Aber dass auf diese Art die Schwelle zwischen Zuschauer und Darsteller gesenkt wird, ist nicht das Schlechteste.

20., 24.6., dann wieder ab 12.9., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare