Das Schauspiel Bochum verhandelt das Thema Inzest: „Freitag“ von Hugo Claus

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Sie versaufen ihr Elend: Bettina Engelhardt, Jürgen Hartmann (vorne) und Raiko Küster in einer Szene aus dem Stück „Freitag“, zu sehen an den Kammerspielen in Bochum.

Von Edda Breski BOCHUM - Man kann kaum erklären, was Georges Vermeersch, die Hauptfigur in Hugo Claus’ Stück „Freitag“, getan hat. Warum er Sex mit seiner Tochter hatte. Dafür saß er im Gefängnis, nun ist er wieder zu Hause. An den Kammerspielen in Bochum umgeht der niederländische Regisseur Eric de Vroedt eine Erklärung für den Inzest und zeigt stattdessen ein Ehedrama.

Das Ehepaar Georges und Jeanne sucht nach Möglichkeiten, miteinander zu leben. Je länger sie es versuchen, desto deutlicher wird: Es geht nicht. Grund ist aber zunächst weniger das Vergehen an der Tochter, auch nicht sein Gefängnisaufenthalt. Dass seine Frau inzwischen von einem anderen (Raiko Küster) ein Baby bekommen hat, ist für Georges erst einmal eher ein Problem. Die am Inzest Schuldige ist längst identifiziert: Schon vor jenem besagten Freitag war Christiane (Kristina Peters), die langbeinige blonde Tochter mit wechselnden Männerbekanntschaften, zu Hause rausgeflogen. Die Mutter nennt sie ein Flittchen. Christiane ist der Elefant im Raum, das Große, Störende, über das man nicht spricht.

Georges und Jeanne sind Komplizen in einem Zustand emotionaler Verelendung. Bettina Engelhardt und Jürgen Hartmann sprechen Ausstanzsätze, nehmen einander die Phrasen mit böser Routine aus dem Mund. Als Paardrama ist das ausgezeichnet gespielt. Hartmanns Georges ist ein Verlierer, der den harten Mann markiert, dabei kann man seinem Gesicht beim Verfallen zusehen. Engelhardts Jeanne lässt unter einem Firnis aus Geplapper über Soaps und Dauerwellen eine erstarrte Frau erkennen, zurechtgemacht wie eine alternde Barbiepuppe (Kostüme: Lotte Goos). Das Unglück war schon vor jenem Freitag da, deutet de Vroedt an. Denn das eigentliche Unglück ist die Plastikwelt, die kleine Existenz mit Billigjob, rosa Schlafzimmer und dünnen Wänden. Mit verblüffend leichten Wechseln zwischen Komik und Realismus entwirft de Vroedt das Bild eines unbegriffenen Lebens.

Die Tochter ist die Folie, auf die der Vater seinen Traum vom schönen, freien Leben wirft. Sie ist bezeichnenderweise in einer Videosequenz auf der Fassade des Einbau-Guckkastens zu sehen, der die Hochhauswohnung der Familie darstellt (Bühne: Maze de Boer). Im Rückblick sieht man Vater und Tochter ausgelassen tanzen. Sie, die kecke Spielerin, ist daheim zu Besuch, er sieht in ihr einen Fluchtweg. Das ist der springende Punkt des Stücks: Zwei Frauen, Mutter und Tochter, sind für die Männer Mittel zum Zweck; Körper, die Auswege bieten aus der Monotonie des Plastiklebens. Als Erklärung reicht das allerdings nicht: Nicht jeder Mann, der keinen Zugang zu seinem Leben findet, macht sich schließlich an seine Tochter heran.

Christiane ist das Wunschobjekt eines Selbstentfremdeten. Der Eindruck wird bestärkt durch geschickt eingesetzte Töne: Werbejingles, Popsongs und Fußballkommentare punktieren die Sätze, die Georges und Jeanne einander aus dem Mund nehmen. Leitmotiv für Christiane aber ist Monteverdis Madrigal „Si dolce è’l tormento“, gesungen von Kristina Peters selbst. Aber wenn die Tochter von der süßen Marter der Liebe singt, macht sie das wieder zu nichts als einer Projektionsfläche.

Da die Entfremdungs-These von Beginn an mehr als deutlich ist, verläuft das zweistündige Stück zuweilen ins Offensichtliche. Jürgen Hartmann und Bettina Engelhardt wechseln in Endlosschleife von Ärger in üblen Sarkasmus, in Furz-Humor und abrupt in scheinsinnvolle Sentenzen, das alles mit einer Leichtigkeit, die, bei der Schwere des Stoffs, oft große Kunst ist.

Jeanne klingt wie eine Versatzzeile aus einem Popschlager, wenn sie ihm halb lachend zuruft: „Du bist’n Herzfresser.“ Erkenntnis bietet das alles nicht, kann es ja nicht. Am Ende sitzt man ziemlich hilflos im Zuschauersessel, nach all dem großen Elend.

21., 28.2., 5., 12., 25.3.

Tel. 0234/ 33 33 55 55

www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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