Schau „re:set“ zeigt abstrakte Malerei im Computerzeitalter

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Wie am Computer ausgedacht, aber ganz klassisch gemalt: Das Werk von Ab van Hanegem ist in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen.

Von Ralf Stiftel RECKLINGHAUSEN - So malt nur der Maler. Über das Gelb der mehr als zwei Meter hohen Leinwand windet sich ein Band aus Blau wie eine Schlange. In Einzelpartien findet das Auge eine Hierarchie von vorne und hinten. Aber kaum nimmt man das Bild insgesamt in den Blick, verliert man sich im Geschlinge.

Der niederländische Maler Ab van Hanegem hat in seinem Werk ohne Titel (2009) noch mehr getan für Irritation. Er arbeitete partienweise ins Blau Gelb ein, so dass das Farbband schlierig nach Grün verläuft. An manchen Stellen weiß man nicht mehr, welchem Stück des Bandes dieser Bogen nun zuzuordnen ist. Einige eingestreute Flecken in Orange verwirren noch mehr. Irgendwie scheint das Bild etwas zu zeigen. Aber entziffern lässt sich das nicht. Am besten lässt man den Blick einfach Achterbahn fahren über das Gewirr aus Komplementärfarben.

Das Gemälde ist in der Ausstellung „re:set“ in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Zwei der beteiligten Maler haben sie kuratiert, Claudia Desgranges und Friedhelm Falke. An rund 70 Werken von 16 Künstlern wollen sie zeigen, wie die Malerei auf die Herausforderung durch digitale Bildwelten reagiert. Eine Entwicklung aus dem 19. Jahrhundert wiederholt sich heute in verschärfter Form. Damals machte die Fotografie der Malerei den Anspruch streitig, die Welt abzubilden. Es gab der Kunst einen mächtigen Entwicklungsschub: Die Moderne kann man als Reaktion darauf lesen. Heute machen Programme wie Fotoshop die surrealsten Bilderzählungen möglich. Bedeutet das endgültig den Tod der Malerei?

Die Künstler in der Ausstellung halten dagegen. Einige Reservate bleiben dem Medium vorbehalten, führt Kunsthallen-Leiter Ferdinand Ullrich aus. Gemälde sind greifbare Objekte mit einer Präsenz, die das unmittelbare Gegenüber von Bild und Betrachter erlaubt. Eine Reaktion auf die digitale Welt besteht darin, die besonderen Qualitäten der Malerei herauszustreichen. Am intensivsten macht das vielleicht Giso Westing, dessen kleinformatige Bilder wie Reliefs wirken, bedeckt von dickem Brei, den er nicht mit dem Pinsel verrührt zu haben scheint, sondern mit einem Löffel, dem Pinselstiel oder der Öffnung der Tube. Diese unsaubere Welt lässt sich nicht berechnen, entsteht aus der Begegnung zwischen Künstler und Farbe. Das erinnert an den großen Breianrührer Bram Bogart.

Aber auch die so hyperrealistisch wirkenden Bilder von Martijn Schuppers entstanden aus dem direkten Umgang mit dem Material. Zwei Meter hoch hängt das tiefblaue #0135 (2001) vor uns, und angesichts der gestochen scharfen Vertiefung denkt man an eine Mikroskopaufnahme oder das Foto einer Mondlandschaft. Tatsächlich entwickelt der niederländische Maler seine Bilder allein aus Farbreaktionen, er lässt trocknen, übermalt, schleift, verschmiert.

Andere nutzen den Rechner zum Ideendoping. Volker Wevers zum Beispiel bearbeitet Fotografien am Computer und setzt die völlig verfremdeten Ergebnisse in monumentale Gemälde um. Das ergibt starkfarbige, schnell aussehende Kompositionen, die an die dynamischen Bilder von K. O. Götz erinnern und manchmal an Arbeiten Gerhard Richters. Auch Friedhelm Falke erprobt seine Kompositionen aus geometrischen Grundelementen erst am Rechner, druckt Bilder als Vorlagen aus und malt dann danach, lässt dann aber Zufallsmomente wie den Farbfluss zu.

Claudia Desgranges kombiniert mehrere Tafeln zu Objektbildern, die anmuten wie übereinanderliegende Programmfenster auf einem Rechner. Nur dass sich ihre Tafeln tatsächlich in den Raum staffeln. Außerdem nimmt sie gern Metall wie Aluminium als Bildträger – die Spiegelungen ziehen die Umgebung ins Bild. Und Michael Jäger malt hinter Acrylglas. Wie beim Bildschirm schiebt sich eine Sperre zwischen Bild und Betrachter. Die leuchtend farbigen wuseligen Kompositionen freilich möchte man nie auf seinem Rechner erblicken: So kann nur der Totalabsturz aussehen. Vier Künstler zeigen gar keine Malerei, sondern sind mit Videoarbeiten vertreten.

Die Künstler von „re:set“ leisten keinen völligen Neustart, wie der Ausstellungstitel nahelegt. Sie greifen durchaus auf bewährte Muster der Tradition zurück. Und nicht alle Arbeiten überzeugen gleichermaßen. Trotzdem ist es spannend zu sehen, wie ein schon mehrmals für erledigt erklärtes Medium wie die Malerei sich hier als ziemlich lebendig erweist.

Bis 13.4., di – so 11 – 18 Uhr, Tel. 02361/ 501931,

www.kunst-re.de;

Katalog, Verlag Kettler, Bönen, 12 Euro, im Buchhandel 24,80 Euro

Quelle: wa.de

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