„Schätze der Weltkulturen“: British Museum zu Gast in Bonn

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Eine Gottheit der Anfänge besucht Bonn: Das Relief mit Ganesha (um 1200) ist in der Ausstellung „Schätze der Weltkulturen“ zu sehen. ▪

BONN ▪ Ganesha nascht. Der elefantenköpfige Sohn der Hindu-Gottheiten Shiva und Parvati langt mit seinem Rüssel in eine Schale Süßigkeiten. Einen Stoßzahn hält er in der Hand. Er hat ihn sich selbst abgebrochen, über die Gründe gibt es viele Legenden. Das beinahe vollplastische Relief schuf ein Künstler in Indien um 1200, und er fing darin den heiteren, verspielten Charakter des Gottes ein. Tänzer und Musikanten umgeben ihn, und zu seinen Füßen sieht man sein Reittier, eine Ratte. Von Ralf Stiftel

Das Kunstwerk ist in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik in Bonn zu sehen, in der Ausstellung „Schätze der Weltkulturen“. Das Haus setzt damit seine Reihe fort, in der sich bedeutende Museen vorstellen. Diesmal ist das erste Nationalmuseum der Welt zu Gast am Rhein, das British Museum. Aus seiner gewaltigen Sammlung von mehr als 7 Millionen Objekten lieh es rund 250 aus, darunter spektakuläre Stücke.

Das British Museum wurde 1753 gegründet, auf einen Beschluss des Parlaments hin. Den Anstoß hatte der Arzt und Naturforscher Sir Hans Sloane (1660–1753) gegeben, der seine umfangreiche Sammlung mit fast 80 000 naturkundlichen und kulturhistorischen Objekten der Nation vererbt hatte. So hatte das Haus gleich sein Thema, es dokumentiert die Entwicklung der menschlichen Kultur von ihren Anfängen bis in die Gegenwart.

Das British Museum verdankt seine Existenz auch dem missionarischen Geist des Empire. Ein Reich, das die Welt umspannt, schuf einen Ort, der das globale Wissen bündelt und vereint. Viele Objekte kamen mit kolonialer Vorgeschichte nach London. Das Relief des Ganesha zum Beispiel erwarb ursprünglich ein Offizier der britischen Kolonialarmee in Indien, Charles „Hindoo“ Stuart (1757/58– 1828), der sich für die fernöstlichen Religionen begeisterte. Seine Sammlung wurde nach seinem Tod versteigert. Das Museum erwarb sie 1872 vom Nachbesitzer.

Die Ausstellung ist wie eine symbolische Weltreise inszeniert. Von einem runden Innenraum aus gelangt man in einzelne Räume, von denen jeder für einen Kontinent steht, und mit wenigen Schritten gelangt man von der Mumie einer Frau aus der 21. Dynastie (1070–945 v. Chr.), als die Balsamiertechniken im alten Ägypten auf dem Höhepunkt standen, zur geflochtenen Stabkarte, mit der die Bewohner der Marshallinseln im südlichen Pazifik bis ins 20. Jahrhundert hin-ein auf hoher See manövrierten. Man bewegt sich in modernen Wunderkammern, die immer noch die materielle Präsenz jeder virtuellen Abbildung voraushaben. Man spürt das sofort vor der lebensgroßen Wächterfigur aus Nimrud (nördl. Irak, 811–783 v. Chr.), der so abstrahiert ist in seinen Formen mit den mächtigen Händen, dem geflochtenen Bart, den großen, wachen Augen, und der zugleich so lebendig wirkt.

Das älteste Objekt in der Ausstellung würde ein Laie kaum als wertvoll erkennen: ein nicht mal faustgroßer Stein. Aber man sieht Bearbeitungsspuren daran, er wurde mit einem anderen Stein behauen, um eine scharfe Kante zu bekommen. Damit zerschlugen wahrscheinlich vor rund 2 Millionen Jahren Menschen Knochen, um das Mark daraus zu gewinnen. Gleich daneben findet man High-Tech aus der Steinzeit. Ein Faustkeil aus Quarzit, rund 800 000 Jahre alt, der mit großem Geschick hergestellt wurde.

Einst sammelte das British Museum im Geiste europäischer Überlegenheit. Obwohl schon Charles Stuart ganz seiner Faszination für die fremde Religion folgte. Die Bonner Präsentation behauptet schon in ihrem Aufbau konsequent die Gleichwertigkeit der Weltkulturen. Sie werden in verschiedensten Erscheinungsformen vorgestellt. Ein Präzisionswerkzeug wie das ägyptische Astrolabium (1200– 1300) ist ja ebenso ästhetisch ansprechend wie es einst praktisch war. Das Netsuke Manju diente im 19. Jahrhundert einem vornehmen Herrn in Japan, um einen Geld- oder Tabaksbeutel am Gürtel zu fixieren. Aber es ist auch ein gerade sieben Zentimeter durchmessendes Meisterstück der Elfenbeinschnitzerei, das figurenreich eine Episode aus der Sage der 47 Ronin schildert. Und so abgewetzt sie auch ist und so sehr sie einst der Inflation zum Opfer fiel, die Banknote aus der Ming-Dynastie (ab 1375 ausgegeben) ist heute ein unschätzbares Zeugnis für das früheste Papiergeld.

Jedes Stück in der Schau erzählt eine Geschichte. Zum Beispiel der Brief (14. Jh. v. Chr.), in sich der Herrscher von Amurru darüber beschwerte, dass ein Gesandter des Pharaos das Gold und Silber, das für ihn, Aziru, bestimmt war, für sich behalten hat. Erlesene Kostbarkeiten sind zu sehen wie eine meisterliche Kupferrelieftafel der Benin (16. Jh.), eine römische Porträtbüste des Homer, goldene Masken aus Kolumbien (600–1500).

Das Museum sammelt immer noch Erzeugnisse der Weltkulturen. Der letzte Raum der Schau bietet Beispiele dafür. Da sieht man ein Schmucktuch, das der ghanaische Künstler El Anatsui aus Kronkorken und Flaschenhalsfolien fertigte. Und der Kanadier Michael Nicoll Yahgulanaas schuf eine glänzende Totemtafel aus der Motorhaube eines Toyota.

Schätze der Weltkulturen

in der Bundeskunsthalle Bonn. Bis 7.4., di, mi 10 – 21, do – so 10 – 19 Uhr,

Tel. 0228/ 91 71 200;

http://www.bundeskunsthalle.de

Quelle: wa.de

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