Sarah Kanes Stück „Zerbombt“ in Bochum

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Robert Kuchenbuch (Ian) und Maja Beckmann (Cate) spielten in Sarah Kanes „Zerbombt“.

Von Achim Lettmann -  BOCHUM Mit einem Wumm ist aus dem Hotelzimmer eine Trümmerlandschaft geworden. Ian liegt niedergestreckt zwischen Mauerschutt und Betonresten. Es ist alles zerstört. Ein Feuerzeug gibt hinter der weißen Staubwolke, die die Kammerspiele in Bochum vernebelt, etwas Orientierung. Ist Hilfe in Sicht? Eine Stimme? Ja! Es ist ein Zeichen in David Böschs Inszenierung, ein Zeichen dafür, dass es noch schlimmer kommen wird.

„Zerbombt“ heißt das Stück von Sarah Kane, das Mitte der 90er Jahre europaweit für Furore sorgte. Plötzlich gab es einen Bühnenrealismus, der die Paar-Beziehungen im Theater unter Druck setzte. Das Miteinander wurde zu einem kriegsähnlichen Zustand verödet. Die britische Autorin entzog dem Bindungsmotiv jegliche Wärme, in dem sie die Begegnung deformierter Menschen schilderte. Das ist harter Erzählstoff, noch heute.

In Bochum wird eine Produktion des Schauspiels Stuttgart gezeigt. Ian ist ein rassistischer Defätist, der selbst dem Fußball in England nichts mehr abgewinnt. Robert Kuchenbuch steht steif in Makerpose da. Er ist isoliert, drückt kurze Sätze raus, die ihm Halt und Profil geben. „Cate, Du bist dumm“, sagt er oder: „Ich liebe dich. “ Beides kling bedrohlich. Cate zittert, lutscht am Daumen, lässt keinen Zungenkuss zu. „Keinen Druck“, weiß er, aber er bleibt aggressiv, mit oder ohne Pistole. Als er Cate weiße Tulpen reicht, tritt sie den Strauß durchs Hotelzimmer: „Du bist ein Alptraum.“

Das minimalistische Interieur von Patrick Bannwarts Bühne wird von selbstzerstörerischen Menschen durchkreuzt. Der Anschlag von außen monumentalisiert diese innere emotionale Dekonstruktion zu einer äußeren Katastrophe. David Böschs Inszenierung hält einen gefangen, weil hinter jeder Geste etwas Brutales sein kann. Selbst die Musikeinspieler von Oasis werden zur kalten Melodie.

Maja Beckmann, die lange zum Ensemble des Schauspiehauses Bochum gehörte, bewegt Cate anfangs abwartend, verspielt und ein wenig kokett in den unbeobachteten Momenten. Ihre Vergewaltigung wird nicht vorgespielt. Der Theaterraum ist stattdessen von einem seelenfressenden Getöse erfüllt, die Stille danach wirkt wie ein Grenzstein, der den Verlust der Zivilisation markiert.

Mit dem Auftritt des Soldaten, den Manolo Bertling mit Feuerzeug und aufmerksamem Selbstgespräch irgendwie freundlich erscheinen lässt, ist das ultimative Grauen in Bewegung gesetzt. Ian wird vom Kriegsheimkehrer vergewaltigt, gefoltert, verstümmelt. Bertling gibt dem Soldaten die Gelassenheit einer Bestie, die nichts mehr fürchtet. Seine innere Leere, sein Trauma, sein Bedürfnis nach Akzeptanz führen eine ruhige Hand, die Ian das Augenlicht kostet. Das wird schwer am Erträglichen gespielt, aber Regisseur Bösch entwickelt keine Schocktherapie. Er entschärft noch das Stück „Zerbombt“, in dem Handlung aufgesagt wird („Er isst von dem Baby“).

Bösch ist es wichtig, dass der geschundene Ian noch nach Cate verlangt. Es ist ein apokalyptischer Moment, armselig, aber doch noch menschlich. Am Ende ist der Begriff „Radikalisierung“, der heute in Zusammhang mit islamistischen Kriegsheimkehrern verwandt wird, schon in den 90er Jahren für Sarah Kane (1971–1999) maßgebend gewesen, egal mit welcher Losung im Krieg und danach getötet wird.

25. 1., 7. 3., 4. 4.; Tel. 0234/333 5555

Quelle: wa.de

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