Sankt Petersburger Philharmoniker spielen in Essen

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Yuri Temirkanov

ESSEN - Mitreißend ist der Auftritt der Sankt Petersburger Philharmoniker in Essen von den ersten Tönen an. Was für Sergej Rachmaninows Klavierkonzert Nr. 2 (op. 18, 1901) zunächst nichts Gutes bedeutet. Das spektakulär virtuose und dabei sensible Klavierspiel Nikolai Luganskys wird im ersten Satz regelrecht überspült von den Streichern.

Selbst die Passagen, in denen der Pianist allein von Celli und Kontrabässen begleitet wird, klingen mehlig und pastos. Die Bläser lässt Dirigent Yuri Temirkanov ebenfalls untergehen in einem breiten Strom, dessen Dynamik sich im Forte-Spektrum bewegen.

Das Ideal der Durchhörbarkeit teilt Temirkanov nicht; er denkt Rachmaninows Romantik in großen Bögen. Doch zunehmend gliedert er die Vehemenz seines Klangkörpers, wenn er den Kraftfeldern der üppigen Musik nachspürt. Am überzeugendsten gelingen die leiseren Passagen der nächsten beiden Sätze, wenn auch das Allegro scherzando mehr Spritzigkeit verdiente. Die Begeisterung des Publikums in der Essener Philharmonie gilt vor allem Luganskys begeisternder Darbietung.

Ungleich fesselnder und diffiziler gelingt dem Orchester Dmitri Schostakowitschs Zehnte (e-Moll, op. 93, 1953). Die famosen Instrumentengruppen zelebrieren den Farbenreichtum dieser aufreibenden Musik: Die Bläser näseln, schrillen, kreischen. Die Streicher verdichten ihre Wucht zu bohrender Intensität. Die Schlagwerker peitschen den zweiten Satz zu einer maschinenhaften, rastlosen Fortschrittspersiflage, die flirrend erstarrt. Grandios!

Schostakowitsch, der in Stalins Sowjetunion lebte, mal als Staatskünstler gepudert und mal von der Zensur gequält, scheint die Zerrissenheit seines Komponistendaseins abzubilden. Dass er das Ton-Motiv seiner Initialen (d – es – c – h) im dritten und vierten Satz verwendet, bestätigt den unmittelbaren Höreindruck.

Wie hellwach die Petersburger diese Musik beleben, die ihr Orchester vor 60 Jahren uraufführte, zeigt sich an vielen Stellen. Etwa in der großen, retardierenden Aufwärtsbewegung des ersten Satzes. Die Streicher greifen sie mit ganz trockenem, vibratolosen Ton auf, dessen Starrheit sich nur zögernd verflüssigt. Temirkanov dirigiert Schostakowitschs Klangmassen ohne Stab, mit kargen, sparsamen, sachlichen Gesten. In völligem Einklang mit seinen Musikern, deutet er selten Einsätze an, sondern schlägt über weite Strecken lediglich den Takt. - Von Elisabeth Elling

Quelle: wa.de

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