Sammlung Schroth im Morgner-Haus Soest: Minimalistische Kunst

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Der Sammler Carl-Jürgen Schroth in seinem Wohnzimmer in der ehemaligen Marienschule in Soest mit Winston Roeths Wandarbeit „Easy Rider“ (2009).

Von Ralf Stiftel SOEST - Das Rot, das Gelb, das Blau kommen als gute Bekannte daher. Man begegnete den Grundfarben schon bei Piet Mondrian. Der aber steckte sie in Rechtecke. Der französische Maler Charles Bézie zieht sie als breite diagonale Linien über die Leinwand, und fügt noch Weiß hinzu.

Wer genau hinschaut, sieht, dass die Farbstreifen sich von der Leinwand abheben. Fast schon ein Relief. Und wie bei Mondrian geht es in „Les trois primaires“ (1982/84) um die delikate Balance von visuellen Gewichten.

Das Gemälde steht am Anfang der Ausstellung „Farben – Colours“ im Wilhelm-Morgner-Haus in Soest. Die Schau bietet mit 53 Exponaten von 25 Künstlern einen Querschnitt durch die minimalistische und konkrete Kunst der Zeit. Die gilt als spröde und unzugänglich. Hier kann man sich eines besseren belehren lassen, und gerade das Leitthema Farbe bietet ein breites Spektrum an Ausdrucksformen. Ein Video zeigt in Endlosschleife eine Aktion des niederländischen Künstlers Iepe, der Radfahrer mit Farbeimern über eine Kreuzung in Berlin schickte. Die Eimer wurden auf die Fahrbahn entleert, die Autos fuhren durch Gelb, Rot, Blau und schufen ein vergängliches Straßengemälde. Wenig weiter hängt eine Serie von 35 Zeichnungen des US-Künstlers Spencer Finch. Auf den ersten Blick sind alle Blätter weiß. Einen zarten blauen Streifen, der von Blatt zu Blatt tiefer wandert, entdeckt man nach längerem Schauen vielleicht noch. Aber dass jedes Blatt unten, weiß auf weiß, beschriftet ist mit der genauen Bezeichnung des jedesmal etwas anderen Blaus, das muss man schon gesagt bekommen.

Die Kunst dieser Ausstellung kann den Blick schärfen – wenn man sich ein wenig Mühe gibt. Es kommt eben auf Oberflächen an, hat der Maler die Farbe glatt aufgetragen oder sieht man die Pinselstriche? Scheinen tieferliegende Farbschichten durch? Belohnt wird man mit manchmal buchstäblich bezaubernden Seherfahrungen. Klaus Staudt schuf Bildkästen, in denen geometrische Objekte nach mathematischen Prinzipien angeordnet sind. Im gelben Kasten „Traum der Erkenntnis“ (2012) scheinen die gelben Klötzchen frei zu schweben – eine eingezogene Acrylglaswand sorgt für die Illusion.

Alle Werke stammen aus einer Soester Privatsammlung. Und Carl-Jürgen Schroth stellt nicht nur seine Schätze zur Verfügung, er öffnet auch seine Privaträume in der ehemaligen Marienschule für den zweiten Teil der Schau. Schroth, 1947 geboren, hat als Wirtschaftsingenieur und Produktdesigner gearbeitet. Die Liebe zur minimalistischen Kunst, meint er, empfindet er schon seit Schulzeiten. Damals abstrahierte er im Kunstunterricht und fand bei der Lehrerin kein Verständnis. Zu jedem Bild fällt ihm eine Geschichte ein. Oder ein Vergleich. Vor dem Gemälde „Diagonale“ (1978) von Jean Legros spricht er davon, dass der schmale weiße Streifen unter der schwarzen Diagonalen das mächtige grüne Feld oben links gleichsam auffängt. Die Faszination für Kunst, die mit reduziertem Vokabular Verhältnisse, gar Codes ins Bild setzt, wird deutlich. Rund 250 Werke besitzt er, und er sammelt weiter, konzentriert sich ganz auf seine Sammlung, die er gern ständig zeigen würde. Er besitzt Werke von prominenten Künstlern, eine Briefmarke von Yves Klein im berühmten Blau zum Beispiel und eine große Arbeit aus gelbem Acrylglas vom mehrfachen documenta-Teilnehmer Daniel Buren.

Im Wohnzimmer hängen zwei mehr als zweieinhalb Meter hohe Wandarbeiten des US-Künstlers Winston Roeth, „Easy Rider“ (2009) und „Midnight Rambler“ (2011), Auftragsarbeiten, wie Schroth betont. Jedes Werk besteht aus 20 Schiefertafeln, die eingefärbt wurden. Der Stein mit seiner unberührten Struktur steht in einem feinen Dialog mit den durchaus kräftigen Farben.

Im Morgner-Haus ist zudem eine ganze Werkgruppe des Beuys-Schülers Imi Knoebel ausgestellt. Im Wandensemble „Unfinished World“ (2006) aus Folien und davorgestellten Tafeln sorgt ein Spiegel-Element dafür, dass je nach Aufstellungsort das Kunstwerk immer etwas anderes zeigt. Und eine Tafel ist mit einer Farbe bemalt, die je nach Lichteinfall zwischen Grün und Rosa changiert.

Die Schau

Eine sehenswerte, weil ebenso lehrreiche wie sinnliche Einführung in die Spielarten der minimalistischen und konkreten Kunst: Farben – Colours im Wilhelm-Morgner-Haus Soest. Bis 11.8., di – fr 14 – 17, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02921 / 1 35 24, www.soest.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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