Sammlung von François Gigoux in Wuppertal

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Meister verführerischer Damen: Lucas Cranach malte „Kurtisane und Greis“ um 1530. Das Bild aus der Sammlung Gigoux ist in Wuppertal zu sehen.

Von Ralf Stiftel -  WUPPERTAL Fast fünf Meter breit und dreieinhalb Meter hoch ist die Szene, die Jean-François Gigoux mit einem Schlag berühmt machte. Lebensgroß sieht der Betrachter den greisen Leonardo da Vinci, barfuß, mit nackter Schulter, im weißen Totengewand, das Gesicht zum vornübergebeugten Priester gewandt. Der französische König Franz I. stützt das gebrechliche Genie. Zwei Messdiener tragen brennende Kerzen, es wird gebetet und gebarmt, was das Zeug hält.

Solche Rührstücke aus der Geschichte waren beliebt im nachrevolutionären Frankreich. Im Pariser Salon von 1835 gewann der junge Maler aus der Provinz damit die Goldmedaille.

Nun ist das Gemälde im Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum zu sehen. Kaum ein Besucher wird so etwas in einer Ausstellung erwarten, die den Titel „Von Cranach bis Géricault“ trägt. Aber das Bild gab die Initialzündung für alles, was man in der opulenten Altmeisterschau bewundern darf. Gigoux’ Bild wurde gleich vom Innenministerium angekauft, legte den Grundstock für eine lang dauernde Karriere als staatstragender Salonkünstler. Gigoux (1806–1894), Sohn eines Schmiedes aus Besançon, erwarb mit seiner Kunst ein Vermögen, das er mit Grundstücksspekulationen noch erweiterte. Und er steckte sein Geld in die Kunst der anderen, der alten Meister und der aktuellen Kollegen. Schon zu Lebzeiten bedachte er das Museum der Stadt mit Schenkungen, und offensichtlich sammelte er auch gezielt, um Lücken in den Beständen zu schließen. Am Ende kamen so 460 Gemälde und 3000 Papier-Arbeiten zusammen.

Das Museum in Besançon, 1694 gegründet und damit 100 Jahre älter als der Louvre, wird gerade umgebaut und erweitert. Der Wuppertaler Direktor Gerhard Finckh hatte bei der großen Bonnard-Ausstellung 2010 auf Leihgaben des Musée des Beaux-Arts et d’Archéologie zurückgreifen können. Dabei ergab sich ein guter Kontakt, der zur Gigoux-Schau führte. Erstmals werden die Schätze des französischen Museums in Deutschland präsentiert. Sehenswert sind vor allem die Alten Meister, die im Ausstellungstitel stehen: „Von Cranach bis Géricault“. Aber auch Werke von Gigoux werden in einem gesonderten Raum präsentiert. Finckh spricht davon, dass das Schaffen des Salonmalers überprüft werden solle.

So viele Überraschungen bietet das freilich nicht. Gigoux war gut vernetzt und staatstragend. Während der Revolution von 1848 vertraute ihm die Regierung die Aufsicht über Versailles an. Andererseits pflegte er ein Image als Bohémien, trug einen auffällig langen Schnauzbart und führte in Paris einen Salon, in dem sich die führenden Intellektuellen trafen. Und er tat sich 1852 mit der Witwe Balzacs, Gräfin Evelina Hanska, zusammen, verkaufte sogar ein Konvolut an Kunstwerken, um ihre beträchtlichen Schulden zu tilgen. Man munkelt sogar von einer Ménage à trois zu Lebzeiten des Dichters.

Gigoux malte weg, was sich einem gut eingeführten Künstler so an Themen stellte. „Der Leichnam Christi, von Engeln bewacht“ (um 1849) hängt neben dem „Tod der Kleopatra“ (um 1850), und die Haltung ist fast identisch beim frommen Andachtsbild wie beim dekorativen Frauenakt. Er beherrschte das repräsentative Porträt (Charles Fourier, 1835), das pittoreske Bildnis eines jungen Bettlers (um 1876) und die frivole Historienszene „Saint-Lambert und Madame d’Houdetot in Versailles“, in der ein Galan der Dame auf der Treppe einen Brief zusteckt, hinter dem Rücken ihres Gatten. Das Handwerk stimmt. Aber große Kunst?

Als Sammler überzeugt er mehr, obwohl er auch da manchen Fehlgriff tat, so glaubte er, einen Giotto und 14 Zeichnungen Giorgiones zu besitzen. Gigoux sammelte vor allem Zeichnungen, und die berühmtesten Flamen und Niederländer, Rubens und Rembrandt, sind in der Ausstellung mit Papierarbeiten vertreten. Von van Dyck sieht man einen schönen Greisenkopf.

Die Schau folgt im Aufbau einer klassischen Museumspräsentation, die nach nationalen Schulen und nach der Chronologie sortiert ist. Großartig sind die Räume mit den frühen italienischen Meistern, zum Beispiel mit zwei Kohlezeichnungen von Männerköpfen, die eine Andrea Mantegna zugeschrieben, die andere aus seiner Schule. Prachtvoll auch das Bild „Ritter und Dame“, das Domenico Panetti zugeschrieben ist. Man hat von Tizian das Porträt eines Bärtigen und von Tintoretto das Bildnis eines jungen Edelmannes.

Hinreißend die schmale, aber qualitätvolle Auswahl deutscher Meister mit fünf Gemälden Cranachs, darunter eine erotisch aufgeladene Szene Kurtisane und Greis (um 1530) und das Doppelbild von Adam und Eva. Hinzu kommt ein Greisenkopf von Hans Baldung Grien und eine Fledermaus, die Dürer zugeschrieben wird.

Gigoux hatte einen Sinn für ausgefallene Motive, als Romantiker schätzte er Schauerszenen wie Goyas Gemälde von Kannibalen, von denen zwei ausgestellt sind, und die „schwarzen“ Bibelszenen von Eugenio Lucas Y Velazquez, die lange Goya zugeschrieben waren. Da finden sich Tierbilder wie die putzigen Seehunde des Niederländers Paul de Vos oder der mitleiderregende „Verletzte Hund“ des Antwerpener Meisters Frans Snyders. Der Künstler schätzte Zeichnungen wohl als Inspirationsquelle, eine Reihe prägnanter Detailskizzen sind ausgestellt. Und er sammelte Kollegen, freilich die anerkannten, nicht die Avantgardisten des Impressionismus. So mündet die Schau in Porträts von Ingres und Géricault und die kraftvolle Skizze eines „Hippogryph“, eines Flügelpferds, von Délacroix.

Die Schau

Eine überraschende Auswahl an Alten Meistern wird erstmals in Deutschland gezeigt: Von Cranach bis Géricault – Sammlung Gigoux im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal.

Bis 23.2.2014. di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr.

Tel. 0202 / 563 62 31, www.sammlung-gigoux.de

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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