Samir Akikas Choreografie „Me&myMum“ in Münster

MÜNSTER – Sie toben und weinen, tanzen und spielen, stillen und schreien: sieben Erwachsene und drei Kinder im Münsteraner Theater im Pumpenhaus unter der Regie von Samir Akika. Von Ursula Pfennig

Das Produktionsteam „Unusual Symptoms“ bringt die vielfältigen Facetten von Mutter-Kind-Beziehungen zum Ausdruck. Mit Leib und Seele. Denn Akikas Tanzperformance „Me&myMum“ verlangt nicht nur immensen Körpereinsatz, sondern flicht auch die Biografien der Darsteller ein. Gleich zu Anfang wird Pina Bausch die Reverenz erwiesen. Im digitalen Fotoalbum belegen Bilder von ihr die ersten Seiten, als eine Art Urmutter. Tatsächlich ist Samir Akika stark von ihr beeinflusst. Auch in Me&myMum erzählt die Mischung aus Schauspiel und Tanz (ein wenig Live Musik und Videokunst von Aaron.St und Stefan Hinze ist auch dabei) keine zusammenhängende Geschichte, sondern nimmt die Zuschauer mit auf eine Expedition durch Gefühlswelten. Was es da nicht alles zu entdecken gibt! Zärtliche Liebe, Alltagschaos, kindliches Vertrauen, Mordlust. Und wieso zum Teufel, riecht es nach Erbsensuppe? Weil in einer Ecke ein Topf Suppe warm gemacht wird. Das wird nicht thematisiert. Steht einfach als weiterer Sinneseindruck in der Luft.

Mal treten die Darsteller ans Mikro und erzählen auf Deutsch, Englisch, Spanisch oder Italienisch von Kindheitserinnerungen: vom schönsten Geschenk, von Ungeziefer in Nudeln, vom ersten Schultag. Mal drückt ein tänzerisches Duett innigste Verbundenheit trotz schmerzlicher Trennung aus. Dann wieder stimmen alle in einen schrägen Mama-Chor an oder kuscheln sich auf eine orange-farbene Flausch-Matratze. Eine groteske Verführungsszene – letztendlich denkt er dabei an Mama – untermalt der kleine Junge am Mikro mit komischen, rhythmischen Geräuschen. Dazwischen gibt's psychoanalytische Pseudo-Interviews von „Radio Mama“. Das Alltagschaos einer überforderten Mutter von drei Kindern steigert sich zur Persiflage bis einer schreit, stürzt, und alle ganz still und ernst werden. Kraftvolle Soli, flippiger Diskotanz, akrobatische Tobereien bis zum Salto auf High-Heels zeigen, was die Truppe tänzerisch drauf hat. Die Musik dazu wird live vom Klavier oder vom Band gespielt: Bach und Bowie, Disko und Folk, Jamie T. und Sonic Youth.

Pathos und Komik liegen nah beieinander, zeigen Abgründe und Grundfesten des Daseins. Die Kinder – ein etwa sechsjähriger Junge, seine kleine Schwester und ein Säugling – sind einfach dabei, das Spielen und Tanzen machen ihnen sichtlich Spaß. Zum Beispiel, wenn der Junge sich im Breakdance wie die Großen versucht. Er ist sich der Dramaturgie bereits bewusst, bringt auch mal seine Schwester in Sicherheit, wenn raumgreifende Sprünge anstehen. Das Mädchen tanzt mit, wenn es ihm einfällt, oder es beschäftigt sich und die Darsteller am Rande mit einem gerade ungenutzten Mikro. Der Säugling wird herumgetragen, er schreit nicht. Scheint, dass ihm das ganze Theater um Mama das Natürlichste der Welt ist.

Doch nicht nur die Kinder, auch die erwachsenen Darsteller zeichnen sich durch große Authentizität aus. Die Kubanerin Ximena Ameri ist eine temperamentvolle Granate, Julio C. Iglesias gibt einen wilden und zärtlichen Provokateur, Antonio Stella einen schmerzverliebten Schönling. Die ernste Alexandra Morales ist die Mutter der Kinder, der Vater Gabrio Gabrielli strotzt vor Lebenslust. Nora Ronge kommt flippig und verführerisch daher. Die Pianistin schließlich entschuldigt die erkrankte Tänzerin Lotte Rudhart. Die Grenze zwischen Spiel und wahrem Leben verwischt. Dass das Ganze trotzdem als Kunstwerk funktioniert, nicht in bloßen Trash entgleist und keine Minute in den zwei Stunden Spieldauer langweilig wird, zeigt die Meisterschaft Akikas.

10., 12., 13. März

http://www.pumpenhaus.de

Tel. (02 51) 23 34 43.

Quelle: wa.de

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