Zum Saisonstart in Münster der „Barbier von Sevilla“

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Turbulentes Medizintheater: Szene aus dem „Barbier von Sevilla“ in Münster mit Youn-Seong Shim, Plamen Hidjov und Juan Fernando Gutiérrez (von links) ▪

Von Anke Schwarze ▪ MÜNSTER–Ein Frisörsalon wie ein Szenetreff: silbrig und pink, glitzernd und blinkend. Mittendrin Figaro. Ganz Starfriseur, besingt er sich selbst. Hinter ihm verschludert seine tuntige Crew die Frisuren der Kunden. Plötzlich eine Stichflamme: Der Haartrockner explodiert. Ist das der „zündenden Spielzeitaufakt“, als den Münsters neuer Intendant Ulrich Peters den „Barbier von Sevilla“ angekündigt hatte, bevor sich der Vorhang hob?

Rossinis Oper eröffnet nicht nur die Saison, sondern auch Peters' Ägide in Münster. Und sollte der Intendant bei seiner Ankündigung die Theaterfloskel vom „Feuerwerk an Gags“ im Kopf gehabt haben, kann man ihm durchaus zustimmen. Aron Stiehl inszeniert turbulent, mit viel Situationskomik und Parodie. Dass allerdings die Komödie nur eine Spielart des Tragischen ist, illustriert Stiehl im Finale des 1. Akts. Zu Rossinis auftürmenden Crescendi agieren seine Schauspieler wie an Fäden gezogene Marionetten: Nicht in ihren Händen, nur am Zufall liegt es, wie sich die Dinge wenden.

Das oberflächliche Gefühlsleben von Rossinis Figuren überträgt Stiehl in die Scheinwelt der Schönheitsoperationen. Dr. Bartolo hat seine Praxis in nüchtern-modischem Grau gehalten, mit strategisch platzierten Farbtupfern. Sogar die Krawatten der Männer leuchten im gleichen Lila wie die Fliesen im Bad. Durch diese Welt schlängelt sich Figaro – von Juan Fernando Gutiérrez elegant, beweglich und durchtrieben gespielt. Ein Brad-Pitt-Verschnitt mit blond gestriegeltem Haar und Dreitagebart. Bei seinem Gegenspieler Dr. Bartolo hat Silvio Berlusconi Pate gestanden, als Symbol der menschlichen Eitelkeit, sich mit Geld den perfekten Körper zu erschaffen. Bartolos Mündel Rosina arbeitet als Sprechstundenhilfe – ein kaugummikauendes Pin-Up-Girl in minikurzer Uniform. Während sie vom Liebsten schwärmt, malträtiert sie eine Patientin mit überdimensionalen Botox-Spritzen im Takt ihrer Koloraturen.

Stellenweise bleiben die Späße vorhersehbar. Wenn ein übergewichtiger Torero und eine mollige Hausfrau verschlankt nacheinander aus einer Rüttelmaschine steigen, wartet jeder auf den umgekehrten Effekt. Der tritt ein, nachdem Figaro von Rosina in der Maschine vor Bartolo versteckt wird. Trotzdem funktionieren auch diese Gags, weil sie gut gespielt sind und sich der Musik anpassen. Wenn Bartolo mit dem Hammer narkotisiert oder Figaro zur Fluchtszene eine zu kurz geratene Leiter nach der anderen anschleppt, parodiert der Slapstick sich selbst.

Am Rande hat Stiehl liebevoll einige Details ausgearbeitet. Hinter Bartolos Fenstern lockt ein kitschiges italienisches Küstenpanorama inklusive Kreuzfahrtschiff. Dieses entpuppt sich als „Costa Concordia“, die in Endlosschleife wie ein buntes Schattenspiel übers Meer gleitet und sinkt.

Musikalisch steht die Inszenierung unter der Leitung von Fabrizio Ventura auf einem soliden Fundament, die Besetzung aus dem eigenem Ensemble trägt. Das Orchester bringt die farbige Instrumentierung zum Leuchten und gibt präzise Handlungsimpulse. Soli- und Tutti-Passagen klingen schön gegeneinander abgesetzt, ebenso die verdichteten Crescendi gegen filigrane Melodiebögen. Youn-Seong Shim in der Rolle des Grafen Almaviva verträufelt seinen charmanten Belcanto, nach kleinen Startschwierigkeiten auch kraftvoll im Forte. Lustvoll parodiert der koreanische Tenor den asiatischen Akzent, während er sich als „Losinas“ Ersatz-Musiklehrer ausgibt. Gutiérrez singt wie er spielt – agil parlierend, auch wenn seine Auftrittsarie keinen Höhepunkt der Premiere darstellt. Der technisch erfahrenere Plamen Hidjov singt den Bartolo mit viel Gefühl für Pausen und launige Klangfarben. Lisa Wedeking genießt ihr sattes Vibrato und flitzt mit der Unbekümmertheit eines koketten Kammerkätzchens durch Rosinas Koloraturen. Durchsetzungsfreudig singt und spielt Lukas Schmid, ein Bass zwar, aber zurechtgemacht wie das Abziehbild eines italienischen Heldentenors. Der Chor präsentiert sich souverän und mimt mit gut gelauntem exzessivem Gehabe.

14., 18., 21., 23., 28., 30.9.; 6. 10.; 7., 13., 22. 11.; 8., 16., 25. 12.

Tel. 02 51/ 59 09 100

http://www.theater.muenster.de

Quelle: wa.de

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