Saisoneröffnung im Konzerthaus Dortmund mit Andris Nelsons

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Elektrisierender Dialog in Dortmund: Andris Nelsons dirigiert das Concertgebouworkest aus Amsterdam. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Wie einen Triumphschrei lässt Andris Nelsons das Vorspiel zum dritten Akt des „Lohengrin“ in den Saal schmettern. Die Musik explodiert wie der Inhalt einer gut geschüttelten Sektflasche. Nelsons und das Concertgebouworkest feiern mit dieser überschäumenden Zugabe ihre Leistung im vorangegangenen Konzert zur Eröffnung der Saison im Konzerthaus Dortmund.

Zum Auftakt der Saison lockt das Konzerthaus Dortmund gern mit einem Schmankerl; dieses Mal waren die Namen besonders groß: das Concertgebouworkest war aus Amsterdam angereist, wie schon zur Saisoneröffnung vor zwei Jahren. Die Stabführung hatte mit Andris Nelsons ein Shooting Star der Dirigentenszene. Noch vor drei Jahren leitete er im Kurhaus Hamm die Nordwestdeutsche Philharmonie, deren Chef er damals war. Sein Vertrag beim Birmingham Symphony Orchestra war gerade in trockenen Tüchern. Seitdem ging es steil bergauf für den Letten. 2010 debütierte Nelsons in Bayreuth, „sein” Lohengrin (Regie: Hans Neufels) wurde gelobt. Auf dem Dortmunder Programm stand ebenfalls Wagner, allerdings nur die Ouvertüre zum „Rienzi“. Als Ohrenschmaus gab es einen opulenten Schleiertanz aus Strauss‘ „Salome”. Als Schwerpunkt seines Gastspiels hatte Nelsons Dimitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 8 gewählt.

Schostakowitsch schrieb seine Achte 1943. Doch anstelle eines heroischen Stücks zur Hebung der Moral im Großen Vaterländischen Krieg schuf er eine Sinfonie, die Zustände von Schreck und Todesangst durchmisst. Nelsons dirigiert im Spannungsfeld von Kontrolle und Entfesselung. Die Ausbrüche des ersten Aktes und die exzessive Polka im zweiten sind streng rhythmisch beherrscht und zugleich von bezwingender Wucht. Das Orchester beweist seine Klasse; die Interaktion der Instrumentengruppen ist ein Erlebnis. Der Dialog von Violinen und Celli im ersten Part des Kopfsatzes ist unterlegt mit einem Pochen der Kontrabässe, das unerbittlich aus dem Takt gerät. Die bitteren Schläge im Trauermarsch sind scharf herausgearbeitet. Der fünfmalige Aufschrei ist klug austariert: Nelsons steigert sich dreimal, nimmt das Orchester dann zurück. Der Übergang ins Dur klingt umso bestürzender. Nelsons hat manchmal die Tendenz, sich von der Musik davontragen zu lassen, und er hat einen unbezähmbaren Hang zu opulentem Klang. Insgesamt aber ist seine Kontrolle bewundernswert, die Innenspannung der Sätze vorbildlich. Weit beugt er sich ins Orchester hinein, holt den Klang zu sich heran und formt ihn voller Freude aus. Er scheint mit den Musikern verbunden. Die sitzen vorgebeugt, wie unter Strom.

Nelsons‘ Schostakowitsch ist nicht immer bloß ein Totentanz. Das Entsetzen des ersten Satzes ist total, aber nicht ausweglos. Nelsons dirigiert letztlich auf den versöhnlichen Schluss hin, den tonalen Stillstand im Pianissimo, die absolute Auflösung. Die ersten drei Sätze laufen auf das Largo hinaus: unirdisch, nebelhaft und völlig immateriell beginnt es, als Katharsis nach den Kämpfen der ersten zwei Sätze und dem Trauermarsch des dritten, in dem die Kontrabassgruppe die unterliegende Figur zwingend spielt. Aus dem Schweigen entsteht etwas Wesenhaftes, Mitfühlendes – das ist atemberaubend. Nelsons' Schostakowitsch ist, trotz allem, optimistisch.

Quelle: wa.de

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