Runderneuert für das 21. Jahrhundert: Gustav-Lübcke-Museum eröffnet neu

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Direktorin Friederike Daugelat, hier vor Hartwig Ebersbachs „Drachenabwicklung“ (1991), lädt in das modernisierte Gustav-Lübcke-Museum Hamm.

Von Ralf Stiftel HAMM - Wie war das damals, als Elvis „Hound Dog“ sang und Freddy „La Paloma“? Man setzte sich in geschwungene Sessel an den Nierentisch der Serie „Vostra“ und blickte in den klobigen Fernseher, schwarz-weiß, natürlich. Selbst der Linoleum-Boden atmet noch das Aroma der Adenauer-Ära. Solche Zeitreisen macht das Gustav-Lübcke-Museum in Hamm möglich.

Am Sonntag öffnet das Haus neu nach anderthalb Jahren, in denen es von Grund auf renoviert wurde. Viel sieht der Besucher nicht von den Auffrischungsarbeiten, die für 5,1 Millionen Euro an dem Haus vollzogen wurden. Und das ist auch gut so. Eine Klimaanlage möchte man nicht sehen und nicht hören. Sie sollte nur Temperatur und Feuchtigkeit so stabilisieren, dass das Museum auch empfindliche Meisterwerke für Ausstellungen ausleihen kann. So bleibt das Haus wettbewerbsfähig, erläutert Museumsdirektorin Friederike Daugelat.

Nur so gelang es, die große Ausstellung „Sehnsucht Finnland“ für den Herbst zu organisieren. Dabei werden rund 70 Werke aus dem „Goldenen Zeitalter“ der finnischen Malerei gezeigt, Bilder zwischen Impressionismus und Symbolismus, die noch nie als Ensemble ins Ausland entliehen wurden. Künstler wie Akseli Gallen-Kallela fassten Nationalmythen in lichtdurchflutete Bilder.

Zur Eröffnung am Sonntag aber kann das Publikum zunächst die Abteilungen Stadtgeschichte und Kunst des 20. Jahrhunderts anschauen. Da lockt neben vielem anderen ein authentisches Zimmer aus den 1950er Jahren direkt neben einer Wurlitzer-Jukebox, aus der sogar die Musik von damals erklingt. Welche Schatzkammer das Haus ist, macht das Zimmer deutlich: 1954 hatte das Museum eine Ausstellung zur modernen Wohnkultur gezeigt, in Zusammenarbeit mit dem Möbelhaus Herlitz. Nierentisch und Sessel wurden nach der Schau angekauft – authentischer geht’s nicht. Und davor steht ein Lloyd LT 600, ein veritabler Kleinwagen aus dem anlaufenden Wirtschaftswunder.

Weil Museumssäle für die umfangreichen Arbeiten ohnehin freigezogen werden mussten, nutzte das Team um Friederike Daugelat die Gelegenheit, die Dauerausstellung neu zu ordnen. Die Stadtgeschichte bekam deutlich mehr Platz – und muss nun nicht mit dem Zweiten Weltkrieg enden, sondern wird fortgeführt bis in die Gegenwart. So endet der informative Rundgang bei einem Modell des Glaselefanten, den Horst Rellecke für die Landesgartenschau 1984 aus der Kohlenwäsche der Zeche Maximilian schuf.

Anschauliche Räume machen Historie greifbar. Die Stadt Hamm war immer wieder Kristallisationspunkt westfälischer Geschichte. Schon ihre Entstehung folgte ja aus einem Verbrechen von nationalen Dimensionen: Der Graf Friedrich von Isenberg hatte den Kölner Erzbischof Engelbert ermordet. Als Folge wurde Friedrichs Besitz geschleift, darunter die Stadt Nienbrügge, und in der Nähe wurde am Aschermittwoch 1226 Hamm gegründet.

Anschaulich geht es chronologisch durch die Geschichte, vom mittelalterlichen Brauwesen über den Bergbau bis in die Moderne. Und mit neuen Objekten wie einem originalen Lippekahn wird die Schau griffig.

Weil das Museum gerade auch für überregional attraktive Kunstausstellungen steht, wird gleichzeitig die Abteilung für Kunst des 20. Jahrhunderts geöffnet. Hier wird nun mit rund 40 Exponaten die große Übersicht versucht, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart mit dem 2011 entstandenen monumentalen Scherenschnitt „Good Night and Good Luck“, für den Lena von Gödeke 2013 den Kunstpreis der Stadt Hamm erhielt.

Mehr Raum bekommt dabei die ältere Kunst, die nun mit Werken von Hans Thoma und Franz von Lenbach einsetzt. Ein eigenes Kabinett ist dem Soester Maler Wilhelm Morgner gewidmet, Arbeiten von Eberhard Viegener, Adolf Erbslöh und Hermann Stenner sind großzügig gehängt.

Weitaus knapper wird die Nachkriegskunst abgehandelt. Ein Sammlungsschwerpunkt des Hauses ist die abstrakte Malerei der 1950er Jahre, das Informel. Die Ausstellung bildet das aber kaum ab. Der Nachlass des Malers Hans Kaiser ist in Hamm, gezeigt werden davon gerade zwei Arbeiten, die zudem nicht repräsentativ für das Werk sind. Fritz Winter, Emil Schumacher, Hann Trier sind kaum noch sichtbar. Dass nun ein figuratives Fensterbild von Irmgard Wessel-Zumloh („Balkon mit Pflanzen“, 1954) neu ausgestellt ist und eine Feuerarbeit des Zero-Künstlers Otto Piene (ohne Titel, 1991–2001), zeigt, dass sich die Sammlung weiterentwickelt. Aber was das Profil des Museums prägte, wird nun an den Rand gedrängt. Mag sein, dass figurative Malerei eingängiger ist. Die Hammer Sammlung bildet jedoch die Kunstgeschichte seit 1900 ohnehin nur sehr lückenhaft ab. Nun hängt – bei fragwürdigem Gewinn – manch schönes Werk ungesehen im Depot.

Eröffnet wird das Gustav-Lübcke-Museum Hamm am Sonntag, 11.30 Uhr, mit einem Festakt.

Anschließend Tag der Offenen Tür mit Führungen, Musik und Aktionen.

Vorgestellt wird auch der neue Multimediaguide.

Öffnungszeiten: di – sa 10 – 17, so 10 – 18 Uhr,

Tel. 02381/ 175 714

www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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