Musiktheater-Inszenierung „Delusion of the fury“ eröffnet Ruhrtriennale in Bochum

Kuscheln am Butanflämmchen

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Rieseninstrumente in der Aufführung von „Delusion of the fury“ in Bochum.

Bochum -  Tanz, Performance und Musiktheater: Mit einem furiosen Eröffnungswochenende hat die Ruhrtriennale 2013 begonnen. In der Eröffnungspremiere war „Delusion of the fury“ des US-Komponisten Harry Partch zu erleben.

Der Mond plustert sich auf. Knautschig wie ein Sofakissen erhebt er sich über regenwaldgrün beleuchteten Kästen und Ballons. In der Jahrhunderthalle in Bochum ist eine beeindruckende Installation zu sehen, es sind die Instrumente, die für Harry Partchs Musiktheater-Gesamtkunstwerk gebraucht werden. Intendant Heiner Goebbels blieb seiner Linie des geschichtenlosen Erzählens treu; 2012 zeigte er bildmächtig Cages „Europeras“ und Carl Orffs „Gefesselten Prometheus“ nach Aischylos als mystisch-archaisches Mythentheater. In „Delusion of the fury“ (uraufgeführt 1969) geht es um die Vergeblichkeit oder den Wahn der Wut.

Partch hat sich radikal von der westlichen Tradition gelöst. Die sei verkümmert, verkünstlicht, zur Show geworden. Anfang der 30er baute er das erste „adaptierte“ Instrument. Er warf die temperierte Stimmung über Bord und schuf eine Skala mit 43 Tönen, die es ihm ermöglichte, mit Mikrointonationen zu arbeiten. Damit wollte er nah an der menschlichen Sprache bleiben, die für ihn eins war mit Musik, wie im antiken Theater. Partch wollte eine „körperliche“ Kunst, die den Menschen ganz umfasst. Seine Originalinstrumente stehen in den USA und sind nicht transportfähig. Für die Europapremiere in Bochum entstanden Nachbauten.

Das Ensemble musikfabrik nimmt sich mit Konzentration und Experimentierfreude der Instrumente an. Die „Marimba Eroica“ wird unter anderem mit Fäusten geschlagen, man spürt den Ton körperlich. Die schrankartige „Kithara 2“ ahmt ein antikes Saiteninstrument nach und klingt wie eine Kreuzung aus Harfe und Gitarre.

Psychedelische Riffs treffen auf soghafte rhythmische Verdichtungen. Das klingt nach Avantgarderock der 60er. Rhythmen verschieben sich, Harmonien erscheinen asiatisch, werden moduliert und erinnern plötzlich an Afrika oder an amerikanische Urbewohner. Partch selbst verstand sich als Komponist des amerikanischen Südwestens. Ein solcher Stilmix ist heute längst Bestandteil der Bühnenkultur. Auch das lässt die Aufführung zum skurrilen Event werden.

Goebbels fasst die Orientalismen der Musik in lakonische Bilder, wobei er sich auf die Ästhetik der Instrumente verlässt. Der erste Teil lehnt sich an das japanische No-Theater an. Ein Ritter hat seinen Feind erschlagen und betet an einem Tempel. Durch den von Dunkelheit eingehüllten Instrumenten-Berg windet sich ein Wasserlauf, der vorn in ein Becken mündet. Es erscheint der zornige Geist des Feindes. Die Wut schwindet erst, als der Tote den Lebenden besiegt und ihm Gnade erweist.

Ein Sanctus – der Chor, der sonst Vokale formt, singt ausnahmsweise auf Englisch „Pray for me“ – leitet zum komischen Teil über, basierend auf einer äthiopischen Erzählung. Eine Frau sucht eine entflohene Geiß, aber der Mann, den sie befragt, ist taub. Es entwickelt sich ein Streit, der vor einen Richter kommt. Am Ende steht der ironische Satz: „Wie sind wir nur ohne Gesetz zurecht gekommen.“ Hinter der Botschaft von der Vergeblichkeit des Zorns steckt tiefer Pessimismus, denn der Zorn kann nicht überwunden werden.

Partch folgte dem griechischen Theaterkonzept und stellte hinter das tragische Stück eine Farce. Da werden Luftkissen aufgeblasen (Bühne und Licht: Klaus Grünberg). Es wird kuschelig in Partch-Land. Die kleinen Menschen zwischen den Rieseninstrumenten recken die Arme zum Ritual, in der Mitte flackert ein Butan-Kocher. Dort hat sich ein Landstreicher was zu essen gekocht.

Die Geschichten spielen überall – oder im Nirgendwo. Der Geist trägt eine Krone aus Bergmannshelm und Autofelge (Kostüme: Florence von Gerkahn). Einmal wird es politisch: Der „Richter“ wird dargestellt durch den Kopf des „Kentucky Fried Chicken“-Mannes, mit rosenrot übermalten Augen. Ein Störfaktor in dem sonst esoterischen Treiben.

Beim Schauen und Hören driftet man von Reiz zu Reiz. Mehr Humor wäre heilsam. So hat man das Gefühl, das Äquivalent des heiligen Grals zu bestaunen – zu viel Weihrauch für den Sonderling Partch. - Von Edda Breski

30.,31.8., 1., 6., 7., 8.9.

Quelle: wa.de

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