Die Ruhrtriennale widmet sich dem Islam

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Tanzende Derwische: Das Ensemble Sarband kommt zur Ruhrtriennale.

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Willy Decker versteht sich als Philosoph. Darum kommt der Intendant der Ruhrtriennale auch bei so etwas Profanem wie der Programmvorstellung nicht um einige Betrachtungen herum.

Warum zieren die aktuellen Triennale-Plakate springende Tänzer? Weil der Sprung „die radikalste Form der Bewegung“ sei. „Eine Idee ist immer ein Sprung.“ Von da springt er zum Islam, der Weltreligion, die er als Leitthema seiner zweiten Saison wählte. Natürlich sucht er einen anderen, tieferen Zugang als das verbreitete Bild, bei dem der Islam reduziert wird auf den kleinen Teil des radikalen Islamismus. Decker wird seine Vorstellungen im Programm persönlich vertreten, zum Beispiel bei einer Lesung aus Werken des mittelalterlichen Mystikers Mevlana Dschalal al-Din Rumi und seines christlichen Kollegen Franz von Assisi (1.10.).

Decker inszeniert auch die Eröffnungspremiere, für die er ein neues Stück von Albert Ostermaier über das bekannteste Liebespaar der islamischen Kultur wählte: „Leila und Madschnun“. Der persische Poet Nizami schrieb das Epos einer unerfüllten, am Ende völlig transzendierten Leidenschaft 1188, und es ist im Orient so populär wie im Westen allenfalls „Romeo und Julia“. Der palästinensisch-israelische Komponist Samir Odeh-Tamimi schrieb die Musik.

Decker verspricht ein Festival der Liebe, sowohl der erotischen als auch der spirituellen. So sei es auch bei vielen Dichtern des Islam: Sie luden ihre religiösen Verse mit sinnlichen Metaphern auf, bis der Doppelsinn entstehe. Das Ergebnis kann die spirituelle Ekstase sein, wie sie Akram Khan im Tanz erfindet. Der britische Choreograf mit Eltern aus Bangladesch verbindet in „Vertical Road“ Tanzformen und Klänge vieler Kulturen zu einem Stück über den Weg zu Gott. „Passio und Compassio“, Leiden und Mitleiden, stehen im Zentrum der Musik Johann Sebastian Bachs. Seine Barockmusik interpretiert das Ensemble Saraband im Geiste der Sufi-Musik, mit orientalischen Musikern, Jazzern, dem Modern String Quartet und fünf tanzenden Mevlevi-Derwischen.

Ein Lesungsprogramm bietet neben Rumi auch noch die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie, wobei der Autor nicht kommt, aber immerhin sein Übersetzer Bernhard Robben von der Sprengkraft eines Werkes spricht, das den Ayatollah Chomeini zu einem Mordaufruf provozierte. Die Reihe „A Century Of Song“ hat mit Christoph Gurk einen neuen Kurator und steht diesmal ganz im Zeichen des Festival-Mottos. So gastieren Musiker und DJs aus Pakistan, Aserbeidschan und der Türkei.

Aber die Ruhrtriennale bietet auch außergewöhnliche Produktionen abseits des Leitthemas. So inszeniert der Regisseur Christoph Schlingensief sein neuestes Stück „S.M.A.S.H.“, das an seine Abende „Eine Kirche der Angst...“ (2009 bei der Triennale gefeiert) und „Mea Culpa“ anknüpft. In „S.M.A.S.H.“ imaginiert er die Zukunft seines Projekts eines Operndorfs für Burkina Faso. Prominente Darsteller wie Corinna Harfouch, Margit Carstensen und Irm Hermann wirken mit.

Die Ruhrtriennale versteht sich als Teil des Kulturhauptstadt-Programms. Eins der wichtigsten Stücke des großen Henze-Projekts ist die Uraufführung der Oper „Gisela“. Der 84-jährige Komponist lässt das Werk im Ruhrgebiet spielen, und weil es auch für junge Interpreten gedacht ist, wirken unter Leitung des führenden Musiktheater-Regisseurs Pierre Audi vor allem junge Akteure von der Folkwang Universität mit.

Noch ein spektakuläres Projekt: Lange hat Literatur-Nobelpreisträger Günter Grass sich dagegen gewehrt, dass sein Roman „Die Blechtrommel“ dramatisiert wird. Jetzt hat er sich umstimmen lassen. Die Fassung von Armin Petras wird in der Regie von Jan Bosse in Bochum uraufgeführt, als Koproduktion mit dem Gorki Theater Berlin.

37 Produktionen werden von August bis Oktober aufgeführt. Dazu gehören auch die Filmreihe „Spirit of Islam“, Diskussionen unter anderem mit der umstrittenen und streitbaren Soziologin Necla Kelek und ein Kinderfest. Die Macher hoffen auf 50 000 Besucher wie 2009.

650 Künstler zeigen 37 Produktionen in 130 Vorstellungen – das ist die Ruhrtriennale in Zahlen. Hier die wichtigsten Produktionen:

21.  8. Leila und Madschnun, Liebesdrama nach Nizami

22.  8. S.M.A.S.H. - neues Stück von Schlingensief

  2.  9. Verrücktes Blut! Schuldrama

  4.  9. Paradise, Paradiesbilder für Menschen ab 8

  8.  9. Die Blechtrommel, Grass‘ Roman als Bühnenuraufführung

  9.  9. Du sollst... Kurzstücke über die 10 Gebote

15.  9. You‘ve changed. Tanzperformance

17.  9. Passio – Compassio, Bachs Musik im Geist der Sufi-Mystik

23.  9. Verbrennungen, Drama über die Folgen des Kriegs

25.  9. Gisela, Ruhr-Oper von Hans Werner Henze

29.  9. Vertical Road, Tanzkreation von Akram Khan

30.  9. Le Cri Tanz, inspiriert von Derwischen

  7.10. The Defenders, getanzte Weltgeschichte von William Forsythe

  8.10. Amo! Coutertenor und Harfen

Tel. 0700 / 2002 3456; http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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