Die Ruhrtriennale setzt Schwerpunkte bei Tanz und bildender Kunst

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Per I-Pad: Ein Besucher wird durch die „Situation Rooms“ des Regiekollektivs Rimini Protokoll geführt.

Von Achim Lettmann -  DUISBURG–Dortmund zählt in diesem Jahr zu den sechs Veranstaltungsorten der Ruhrtriennale. Das internationale Festival (23. August bis 6. Oktober) rückt zumindest für zwei Abende weiter Richtung Westfalen. In der Maschinenhalle der Zeche Zollern wollen das ChorWerk Ruhr und das Ensemble Resonanz für spirituelle Höhepunkte sorgen.

Hinter dem großartigen Jugendstilportal der Industriearchitektur hatte Florian Helgath geprobt, wie Brahms und Bach klingen. Die Komponistenfrage löste der musikalische Leiter dann zugunsten von John Tavener und Arvo Pärt. Am 28. und 29. September gibt es „Ikon of Light“ mit Streichertrio. Außerdem wird „Trisagion“ für Streichorchester sowie das „Te Deum“ für drei Chöre aufgeführt.

Bei der Vorstellung des Festivalprogramms in der Kraftzentrale des Landschaftspark Duisburg-Nord setzte Heiner Goebbels gestern in seinem zweiten Jahr als Festivalleiter aufs bekannte Konzept: „Uns interessiert das Interdisziplinäre mehr denn je.“ Außerdem werden mit avantgardistischer Kunst auch große Namen verbunden. Theatermacher Robert Wilson setzt die Oper von Helmut Lachenmann in Szene. Für „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ wird ein Zuschauerraum wie ein alter medizinischer Hörsaal in die Bochumer Jahrhunderthalle gebaut. Lachenmann hat Gefühle wie Hoffnung, Fantasie und Kälte musikalisiert. Arien werden nicht gesungen. Aber die Schauspielerin Angela Winkler ist zu sehen.

Zu den großen Musiktheater-Produktionen zählt auch „Stifters Dinge“ von Heiner Goebbels selbst. Der Festivalleiter spricht von einer „Performance“. „Stifters Dinge“ geht namentlich auf den Schriftsteller Adalbert Stifter zurück, der auch gelesen wird. Aber statt großer Bühne sind auf Vorhängen Bild- und Lichtimpulse zu sehen, die sich über drei Wasserbassins bewegen. Utensilien des Bühnenbetriebs werden neu gewichtet und als Theatermaschine mit Bild und Musik aufgewertet. Der Zuschauer muss in der Kraftzentrale nicht sitzen, sondern bewegt sich zu „Stifters Dingen“. Er soll die Dimensionen der Kunst anders erfahren.

Ohnehin will diese Ruhrtriennale den Zuschauer mehr in den Mittelpunkt des Geschehens holen. Vor allem der Programmschwerpunkt „Bildende Kunst“ macht Angebote. Der japanische Künstler Ryoji Ikeda legt seine „test pattern“ auf den Boden der Kraftzentrale. Es handelt sich um eine hundert Meter lange Installation, die eine Synchronität zwischen Menschen visualisiert und dabei digitale Barcodes in der Halle verstrahlt. Außerdem wird diese Synchronität auch mit Tonfolgen und Geräuschen vermittelt. Das Festival will nicht nur von der Bühne agieren, sagt Heiner Goebbels. Eine Arbeit von William Forsythe im Folkwang Museum Essen fordert den Besucher zur Bewegung heraus. In der großen neuen Halle des Museums sind zahllose Pendel aufgehängt, die mechanisch bewegt werden. Wer sich ins Pendelfeld begibt, musst ausweichen, reagieren. Die klassische Kontemplation ist nur aus der Distanz möglich.

Weitere Arbeiten gibt es vom Videokünstler Douglas Gordon auf der Zeche Zollverein in Essen und von Mischa Kuball, der den Außenraum der Jahrhunderthalle mit Licht bewertet („Agora/Arena“). Die Gruppe rAndom International wird vor dem Ruhrmuseum in Essen einen „Turm der tausend Wassertropfen“ bauen, sagt Heiner Goebbels. Darin werden Naturphänomene simuliert, die auf kuriose Weise erfahrbar sind. Besucher, die das Regenfeld betreten, werden nicht nass, aber spüren die Feuchtigkeit inmitten des „Tower“.

Auch wenn sich die Ruhrtriennale nicht auf Genres festlegen will, der zweite Schwerpunkt 2013 ist der Tanz. Sechs Choreografien sind geplant. Aus Brasilien kommt Bruno Beltrao, der die Effekte des HipHop studiert hat und diese Bewegungen mit anderen choreografischen Mustern kombiniert. Die Produktion „Crackz“ mit der Grupo de Rua (Gruppe der Straße) ist ganz neu und soll unter anderem einen spektakulären Rückwärtslauf bieten – auf Pact Zollverein, Essen. Boris Charmatz, der bereits 2012 beim Festival war, arbeitet diesmal mit 24 Tänzerinnen und Tänzern auf der Halde Haniel, Bottrop. „Levée des conflits“ (Aufhebung des Konflikts) sucht nicht nach Harmonie, sondern lässt die Akteure mit verschiedenem „Bewegungsmaterial“ gleichzeitig arbeiten.

Unter dem Programmpunkt „Theater“ kann der Besucher wieder intensive Erfahrungen machen. Die Regiegruppe Rimini Protokoll hat in der Turbinenhalle Bochum ein mehrstöckiges Haus gebaut, das nur 20 Zuschauer gleichzeitig betreten können. „Situation Rooms“ ist ein „Multiplayer Video-Stück“, bei dem Zuschauer per I-Pad geführt werden. Man begegnet einem Kindersoldaten, einem Mann, der Spezialwaffen produziert, einem Anwalt, der sich mit Kriegsrecht auskennt. Erfahrungen mit Krieg und Waffen will Rimini Protokoll über Rollenzuweisungen vermitteln. In der Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck findet eine der 20 Uraufführungen des Festivals statt. „The Last Adventures“ will Märchen, Mythen und Science Fiction mischen. Die Darsteller bewegen sich in bekannten Bildern und verbinden das Fragmentarische der Produktion. Forced Entertainment ist eine Gruppe aus Sheffield, die spielerisches und reflektiertes Theater bietet. Die Ruhrtriennale bietet innovativen Gruppen ein Forum – auch das zählt zur Programmatik des experimentellen Festivals.

Außerdem werden vier Orchester auf der Ruhrtriennale Konzerte geben. Über 150 Veranstaltungen sind insgesamt geplant, 43 Produktionen sind zu sehen. Wieder werden vor allem Industriedenkmäler Orte der Kunst. Dies ist das Alleinstellungsmerkmal des Festivals im europäischen Kulturbetrieb.

Höhepunkte des Festivals

23. 8. Eröffnung: Harry Partch „Delusion of the Fury“, mit dem Ensemble musikFabrik, Jahrhunderthalle Bochum. 24., 30., 31. 8.; 1.,6.,7., 8.9.

29., 30., 31. 8. Massive Attack & Adam Curtis spielen eine „kollektive Halluzination“ im Landschaftspark Duisburg-Nord

23.8. – 15.9. Rimini Protokoll öffnet „Situation Rooms“ (Uraufführung) für Erfahrungen mit Kriegsakteuren, Turbinenhalle, Bochum

23. 8. Workshop mit Dan Perjovschi in der Jahrhunderthalle Bochum: Auch Kinder sind eingeladen, mit Zeichnungen und Zeichen auf die Gesellschaft zu reagieren. Bis 6. Oktober zu sehen.

24. 8. Metropolis: Actual Remix. Elektronisches Dj-Material für einen Kinoklassiker. Gießhalle, Landschaftspark Duisburg-Nord

24., 25., 31. 8., 1.9. Bruno Beltrao: Crackz. HipHop und Tanzchoreografien auf Pact Zollverein, Essen.

3.,4.,5.,6. 10. Anne Teresa De Keersmaeker choreografiert zur Musik von Gérard Grisey „Vortex Temporum“, um die Ausdehnung und Verdichtung von Zeit zu untersuchen. Jahrhunderthalle Bochum

28./29. 9. ChorWerk Ruhr / Ensemble Resonanz spielen „Ikon of Light“ mit Musik von Tavener und Pärt in der Maschinenhalle Zollern, Dortmund.

5./6. 10. Abschlusskonzert: Le Sacre du Printemps wird vom Theatermacher Romeo Castellucci und Dirigent Teodor Currentzis auf den Ursprung des Opferrituals zurückgeführt (dt. Erstaufführung), Jahrhunderthalle

Kartenverkauf Tel. 0221 / 280 210

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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