In Duisburg zeigt Romeo Castellucci Strawinskys „Sacre du Printemps“ als Ballett aus Knochenmehl und Maschinen

Was vom Opfertier übrigblieb

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Menschen sind in Castelluccis „Frühlingsopfer“ nur zum Schluss zu sehen. Sie schaufeln Knochenasche.

Von Edda Breski

DUISBURG - Die staubiggelbe Ödnis am Ende der Zeiten – so haben sich Science-FictionFilmemacher ferne Planeten vorgestellt, das wüste Land der Zukunft. Diese Art von eschatologischer Ästhetik kann, wer will, in Romeo Castelluccis Version des „Frühlingsopfers“ wiederfinden. Strawinskys brachiale Vision von Naturerwachen und Opfertod verwandelt der italienische Regisseur bei der Ruhrtriennale in einen Tanz der Maschinen. Keine Tänzer, keine Körperästhetik, nur bewegliche Reservoirs und Düsen, aus denen Knochenasche rieselt, spritzt und in gewaltigen Schleiern zu Boden fällt. Das gelblichweiße Mehl füllt einen abgedichteten Raum in der Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg, das Publikum schaut wie in einen Schuhkarton hinein.

Graue Maschinenelemente kreisen, Staub verteilend, unter der Decke, wie seltsame Spielzeughubschrauber. Pendelarme schwingen. Die weiße Bodenabdeckung hebt sich wie ein gewaltiger runder Bauch, Mehl rutscht herunter und wird durch mehr Mehl bedeckt. Mehlfall, Maschinenbewegung und Musik sind so geschickt abgestimmt, dass manche Verdichtung von Akkord und Bühnengeschehen wie ein Schock in den Magen trifft. Viele Bilder sind geradezu cineastisch. Als Castellucci einen an die Knochenstaub-Ästhetik gewöhnt hat, fällt ein Vorhang, Informationen werden eingeblendet: die chemische Formel des Knochenmehls, eine Beschreibung des Herstellungsprozesses.

Castellucci schockt sanft. Wer will sich schon über die geschickte Lichtregie empören, die das rieselnde Mehl im ersten Part in Szene setzt, dem Teil, der den Titel „Anbetung der Erde“ trägt? An wen soll der Zuschauer seine Reaktion richten? Maschinen brauchen keinen Applaus. Nach einer Stunde wandert das Publikum nach und nach hinaus, vage klatschend, während im Schuhkarton Gestalten in Isolieranzügen das Geriesel wegschaufeln: sechs Tonnen Knochenasche, der letzte Rest von 75 Rinderskeletten. Dazu wabern noch verfremdete Akkorde und verzerrte Chöre durch den Raum.

Strawinskys Partitur dauert in der Ausführung je nach Tempowahl etwa 35 Minuten. Castellucci streckt das Stück mit Wiederholungen auf eine Stunde. Die Einspielung stammt von Teodor Currentzis und dem Originalklang-Ensemble Anima Aeterna. Durch den Verzicht auf moderne Instrumente klingt „Sacre“ weicher, zugleich betont Currentzis die Impulse und Gefühlsrichtungen der Musik – eine zutiefst subjektive Lesart. Currentzis war vergangenes Jahr bei der Triennale. Damals hatte Castellucci seine Premiere verschieben müssen.

Castellucci treibt den Verfremdungseffekt mit seiner Maschinenchoreografie auf die Spitze, erlaubt dem Publikum aber keine bequeme Distanz. Knochenasche wird als Dünger benutzt; das nutzt der industriellen Nahrungskette und damit dem Endkonsumenten, ob Vegetarier oder Fleischesser. Befremden oder Ekel spiegelt Castellucci zurück; damit ist das Stück politisch. Es ist aber noch deutlicher eine Publikumsbefragung, mithilfe eines Musikstücks, das bei seiner Premiere 1913 einen Skandal auslöste. Wie weit kann und muss ein Theatermacher gehen, um zu wirken? Wieviel Effekt ist notwendig, um ein Publikum zu erreichen, das wie kein anderes zuvor Seh- und Hörgewohnheiten entwickelt hat, von teils ikonischen Bildern geprägt ist und gewohnt, sich auf Erfahrungen zu verlassen? Damit passt Castellucci in die Triennale, die unter Heiner Goebbels mehr denn je zur Werkstatt geworden ist.

19. - 24.8., Tel. 0221/280210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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