Ruhrtriennale: Robert Wilson inszeniert „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“

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Angela Winkler in „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ in der Bochumer Jahrhunderthalle.

Von Edda Breski BOCHUM - Einmal erzählt Robert Wilson in seiner Inszenierung von Helmut Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ ein Märchen: Da steigen aus dem Boden Lichter auf, wabernd wie man sich früher Seelen Ertrunkener unter Wasser vorstellte, sie werden klarer und eisiger und formen einen Sternenwirbel. Das Mädchen und ihr Begleiter drehen sich ins All. Ein Stuhl senkt sich herab und schlägt Flammen. Wilson schafft hier einen Referenzrahmen, der subtil auf Märchenhandlungen verweist – wie die von den Gebrüdern Grimm, in der ein Mädchen sich auf den Weg zur Sonne macht –, und erzählt damit von Mut und Einsamkeit in der Kälte.

Die zweite große Musiktheaterproduktion bei der Ruhrtriennale ist ein großer Wurf, eine Inszenierung, die auf die Jahrhunderthalle in Bochum maßgeschneidert ist und in den Raum eine zeit-gelöste Handlung in dunkel-eisigen Farben stellt. Wie in einer Operations-Arena sitzt das Publikum um die quadratische, graue Spielfläche herum. Auf der Empore umschließt es das Orchester, der Klang weitet sich von oben herab und hüllt die Zuhörer ein.

Wilson stellt der Lachenmann-Partitur in all ihrer Bildhaftigkeit, ihren splitternden Eiszapfenklängen, dem Ratschen von Streichhölzern, dem Bibbern der Frauenstimmen die Wanderung eines dunklen Paars durch beklemmende Lichträume gegenüber.

Als „Mädchen“ ist Angela Winkler das Spannungszentrum. Sie tastet sich unendlich behutsam voran, ihre Augen weit geöffnet, das Haar starr seitlich verweht, als habe sie einen langen Sturz hinter sich. Manchmal lächelt Angela Winkler, und sie gibt diesem Lächeln eine Brüchigkeit mit, die um so trauriger ist, weil sie auch eine staunende Neugier in sich birgt.

Robert Wilson selbst hat sich als dunkler Mann neben sie gestellt, eine massige Figur im Zirkusjackett, ein Illusionist. Er kann sie nicht körperlich berühren, aber er leitet und verführt sie. Einmal kommt ein Sandstrahl von oben, der Mann scheint ihn, durch einen optischen Trick, zu ihr hinzuleiten. Später kommt er ihr mit Eisblöcken entgegen, sie trägt dagegen eine flauschige Kaninchenhandpuppe und streichelt sie hoffnungsvoll.

Zitate aus der Dunkelromantik treffen eine aufs Äußerste reduzierte Gestik. Der Zauberer reckt holzschnitthaft seine rechte Hand und beschwört mit ihr Licht, Klang und Geschehen. Damit führt er auf offener Bühne Regie; so wie er auch Szenenwechsel mitten in der Szene vornehmen lässt. Seine Langsamkeit wirkt nur an einigen Stellen übertrieben gewollt. Wilsons Ästhetik nimmt Anleihen bei Stummfilm, Horror, Commedia dell’arte. Das weiße Kleid des bleichgeschminkten Mädchens könnte auch ein Anstaltskittel sein (Kostüme: Eva Dessecker).

Lachenmanns Text vereint neben dem Andersen-Märchen Textfetzen der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin, das großartige Chorwerk Ruhr schleudert sie in den Klangstrom, den Emilio Pomarico glitzernd und drängend formt. Die Sopranistinnen Hulkar Sabirova und Yuko Kakuta holen ihre Stimmen aus kühler Ferne in den Klangstrom hinein.

Wilson bewegt Handlungsstücke und die Musikerzählung in Zeitlupe nebeneinander her und aufeinander zu. Eine Handlung im Gletschertempo. Das Licht erzählt das Wesentliche: wie verloren das alles ist, wie hoffnungslos. Das Mädchen öffnet ein Fenster im Boden und sieht hinein, lächelnd, während die Musik sich zu Bündeln von Zitaten, Anspielungen verdichtet, Glocken und Peitschenhiebe sich jagen.

Die Klangvarianz ist überwältigend. Der Avantgardekomponist und Dirigent Emilio Pomarico treibt das hr-Sinfonieorchester mit aufpeitschender Sinnlichkeit und atemberaubender Präzision auf die Höhepunkte zu, lotet die Geisterdimensionen der aufeinanderprallenden Zitate, Brücke, Geräuschklänge aus und forscht den Rissen und Spalten in der Klangfläche nach.

Nach dem Tod des Mädchens rieselt das Gefühl aus der Musik heraus, neutrale Kälte schwebt wie Morgendämmerung über der Szene.

Großer Applaus für die Beteiligten, für die Musiker und vor allem für Helmut Lachenmann selbst, der zur Premiere nach Bochum gekommen war.

18., 19., 20., 21., 22. September; Tel. 0221 / 280 210

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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