Die Inszenierung „Situation Rooms“ in Bochum

Drohnenbilder

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Der Theaterbesucher wird zum Scharfschützen in der Inszenierung „Situation Rooms“ bei der Ruhrtriennale.

Von Ralf Stiftel

BOCHUM - Bei dieser Inszenierung der Ruhrtriennale wird der Zuschauer zugleich zum Darsteller. In „Situation Rooms“ der Gruppe Rimini Protokoll schlüpft er ferngesteuert in die Rolle eines israelischen Scharfschützen, eines Präzisionsmechanikers einer Schweizer Rüstungsfabrik, eines Flüchtlings aus Libyen. Möglich macht das ein ausgefeiltes Computerprogramm, das einen mit einem Film auf einem iPad durch das Geschehen leitet.

In der Turbinenhalle hinter der Bochumer Jahrhunderthalle steht ein Kunsthaus mit elf Eingängen und einem labyrinthischen Raumsystem, das man ferngesteuert mehrfach durchläuft. Auf dem Rechner beginnt Volker Herzog zu erzählen, Chirurg bei Ärzte ohne Grenzen, und er führt in ein nachgebautes OP-Zelt von einem Einsatz in Sierra Leone. Er zeigt die Liege, auf der er Patienten sortierte: Die sind sofort zu operieren, die können noch warten, denen kann er nicht helfen. Er zeigt Fotos eines Mannes, dem Rebellen mit der Machete beide Hände abhackten.

Der berühmteste „Situation Room“ steht im Weißen Haus in Washington. Bekannt ist das Foto, das US-Präsident Obama und seinen Stab zeigt, während sie per Video die Hinrichtung des Terrorchefs Bin Laden verfolgen. Die Räume dieser Produktion führen den Besucher in Situationen, die sich mosaikartig zu einem Gesamtbild des globalen Waffenhandels und seiner Folgen zusammenfügen. Sie sind das Gegenbild zu dem symbolstarken Foto, sollen nicht reduzieren, sondern Fakten liefern. Dass der Besucher dabei in Rollen schlüpft, fördert die Erkenntnis. Man versteht das Loblied des indischen Ex-Offiziers auf Drohnen besser, wenn man gleichsam auf einem Spähposten in die Bergwelt der Grenze blickt, wo angeblich nur Terroristen lauern, aber keine Zivilisten, für die es sowieso zu kalt wäre. Über den Bildschirm flitzen kleine animierte Drohnen. Wenn man im OP-Zelt auf der Liege dem syrischen Bürgerkriegsopfer zuhört, das von seiner Schusswunde am rechten Bein berichtet, dann fördert die eigene Lage das Verständnis ganz anders als in einem kuscheligen Theatersessel.

Man wechselt im Sieben-Minuten-Takt die Rollen. Man tut blindlings Dinge, die sich auf die Mitspieler auswirken. Man schüttelt eine Hand, man bekommt einen Teller Borschtsch serviert, man wird zur ausführenden Hand eines Hackers. Und man bekommt das sehr ruhige, sehr souveräne, sogar witzige Plädoyer des Linken-Politikers Jan van Aken zu hören, der den deutschen Waffenexport beenden will.

Die Ereignisse hängen zusammen, das führt die Inszenierung auf technisch-inszenatorisch virtuose Weise vor, indem sie den Theaterbesucher zum Akteur macht. Wenn auch ferngesteuert.

Bis 15.9.; jede Aufführung ist auf 20 Teilnehmer begrenzt. Die meisten sind ausgebucht, manchmal bleiben aber Plätze frei und können an der Abendkasse gebucht werden.

Quelle: wa.de

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