Ruhrmuseum erzählt von „Mensch und Tier im Revier“

Max, der Braunbär, ist das größte Objekt der Ausstellung „Mensch und Tier im Revier“ im Ruhrmuseum Essen. Der präparierte Zoo-Bär lebte von 1976 bis 2003 im Bochumer Tierpark und war eine Attraktion. Dahinter sind Fotos von Tieren im Naturraum Ruhrgebiet zu sehen, die auf „Augenhöhe“ aufgenommen wurden. Foto: rothenburg, ruhrmuseum

Essen Der Bär Max war in Bochum so bekannt wie der Eisbär Knut in Berlin und das Walross Antje in Hamburg. Mit der Flasche hatte ihn Direktor Stirnberg 1976 aufgezogen. Die Medien begleiteten Max, den die Mutter verstoßen hatte und der sich an Bären im Allwetterzoo Münster gewöhnen musste, bevor er mit der Kodiakbärin Teddy wieder in den Tierpark Bochum zurückgebracht wurde. Zusammen hatten sie acht Bärenjungen.

Präpariert ist Max nun ein Tier des Ruhrgebiets und Schlüsselobjekt in der Ausstellung „Mensch und Tier im Revier“. Das Ruhrmuseum in Essen startet mit der Schau eine neue Reihe über populäre Ruhrgebietsthemen.

Es bleibt nicht dabei, dass in Essen Bergleute mit Ziegen, Grubenpferden und Tauben zu sehen sind. Für Kuratorin Ulrike Stottrop reagieren einige NRW-Museen auf das neue Verhältnis zwischen Mensch und Tier. 2015 bildete sich ein Arbeitskreis zwischen dem Kulturwissenschaftlichen Institut Essen, dem Historischen Institut der Uni Köln und dem Ruhrmuseum, der interdisziplinär vorgehen will. Hinzu kamen Wissenschaftler der Industriemuseen in ganz NRW, des Bergbaumuseums Bochum, des Museum Folkwang und des Naturkundemuseums Dortmund, die ihre Bestände neu sichten wollen. Unter dem Aspekt Mensch-Tier sind die Sammlungen der Geologie, Mineralogie, Archäologie, Industrie- und Sozialgeschichte nicht angelegt worden. „Animal turn“ bedeutet nun, dass das Wohl der Tiere und unser Umgang mit ihnen ethisch verantwortlicher wird. Diese gesellschaftliche Initiative ist auch ein Kulturwandel, an dem der Arbeitskreis mitwirken will.

Die Ausstellung in Essen hilft, die Verbindung zu Tieren bewusst zu machen. Natürlich wird das Grubenpferd thematisiert, das unter Tage die Kohlenloren gezogen hat. Neben einer Fotografie von 1957 gibt es in der Schau Hufeisen zu sehen, die für die Verhältnisse im Stollen spezifiziert waren – Aluminiumeisen mit Lochblech, das Huf-verschmutzungen vorbeugen sollte.

100 Objekte sind auf der 21-Meter-Ebene des Museums dicht präsentiert. Zu jedem Exponat gibt es eine Geschichte, die im Ausstellungskatalog erzählt wird. Mit „Mensch und Tier im Revier“ setzt das Ruhrmuseum einmal mehr auf ein Schaukonzept, das über das erzählerische Moment beim Besucher Interesse und mehr Verständnis für die Region wecken bzw. verstärken soll. In fünf Kapiteln geht es darum, Tiere zu nutzen, zu lieben, zu ordnen, zu deuten und zu töten. Zur „Schlachtung“ (Tiere töten) wird an den Schlachthauszwang von 1881 erinnert, der die öffentlichen Schlachtungen eindämmen half. Die Metzger ließen Blut und Fleischabfälle auf Straßen liegen oder in der Kanalisation verschwinden. Ein hygienisches Problem im Revier. Ein Bolzen und ein langer Nagel aus Dortmund-Derne (20er Jahre) erinnern an Hausschlachtungen. Um das Bewusstseinszentrum des Tieres lahm zu legen, musste nach dem Bolzenschlag immer wieder mit dem Nagel nachgestoßen werden. Eine perfekte Tötung war nicht selbstverständlich. Heute werden Schweine mit grünem Licht und Panflötenmusik beruhigt, bevor sie Kohlendioxid einatmen und so ihr Bewusstsein verlieren. 55 000 Nutztiere werden wöchentlich in Oer-Erkenschwick erlegt, dem größten Schlachthof im Revier.

War das Tier als Ungeziefer ausgemacht, ging es um „Vernichtung“. Eine Mausefalle von 1825 beseitigte die Nager mit drei Holzblöcken. Über 1000 Methoden sind nachgewiesen, wie Menschen des „Plagegeists“ Herr werden wollte. Dass Tiere als Nutztiere ihre Freiheit einbüßen, zeigt das Beispiel der Zirkusflöhe. Solche Vorführungen auf den Jahrmärkten im Ruhrgebiet gab es und gibt es in der Jahrhunderthalle Bochum. Hier muss „Dompteur“ Robert Birk dreimal am Tag seine Unterarme freilegen, damit die „Artisten“ saugen können. Ein Film in der Ausstellung zeigt ihre Kunststücke. Sie ziehen kleine Kutschen und bewegen Kugeln – seit dem 18. Jahrhundert.

Die Liebe zum Tier ist natürlich in zahlreichen Facetten zu sehen. Ob verwaltungstechnisch mit Hundemarken aus den Kommunen oder vermenschlicht, als Mitglied der Familie – Helga Hethey fotografierte um 1975 zwei Frauen mit ihrem weißen Pudel, die Frisuren ähneln sich. Ein Zirkuselefant diente als Vorbild für ein Blechspielzeug. Das Tier thront auf einem Dreirad mit Motor (1949). Niedlich?

Unter „Politik“ (Tiere deuten) ist die letzte Fürstäbtissin des Reichsstifts Essen auf einem stattlichen Pferd zu sehen. Das Reiterstandbild hat Paul Krüger nach einer Vorlage von Kaspar Benedikt Beckenkamp von 1775 gemalt. Tiere haben Symbolwert.

Aber zunehmend will man sie so lassen, wie sie sind. Deshalb sind Igel, Eule und Feldmaus von Fotografen im Revier auf Augenhöhe abgelichtet worden. Die Fotowand bildet das Ende der Schau. Es sind nun Mitbewohner, die mehr akzeptiert werden. Nur die bläulich schimmernde Aufnahme einer Krätzmilbe erinnert daran, dass früher die Menschen in ganzen Siedlungen von dem Parasiten befallen waren. Das ist lange her und muss einen nicht mehr kratzen. Aber dass der Hakenwurm – rot schimmernd – im Dünndarm des Bergmanns seine vitalste Zeit hinter sich hat, dass beruhigt doch irgendwie.

Die Schau

Eine vielteilige und vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Tier und unserem Verhältnis zu diesem Lebewesen. Mensch und Tier im Revier im Ruhrmuseum Essen.

Bis 25. 2. 2020; täglich 10 bis 18 Uhr; Tel. 0201/ 24681 444; www.ruhrmuseum.de

Katalog, Klartext Verlag 29,95 Euro Nächste Ausstellung: 6. 9. Beste Freunde?! Geschichten rund um Zollverein.

Quelle: wa.de

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