Ruhrgebiet will Weltkulturerbe werden: Gespräch mit Ursula Mehrfeld von der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur

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Kulturerbe: Malakoff-Turm mit Fördergerüst auf der Zeche Prosper II in Bottrop. ▪

DORTMUND ▪ Neun Anträge sind im NRW-Wirtschaftsministerium eingegangen. Die NRW-Projekte wollen Weltkulturerbe werden, und Düsseldorf wird dem Bund zwei Vorschläge machen.

Gute Chancen hat „Zollverein und die industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet“, weil Zollverein bereits Weltkulturerbe ist und die Industrieregion im Kulturhauptstadtjahr 2010 viel Aufmerksamkeit bekam. NRW-Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) wird im Herbst 2012 entscheiden. Die Auswahl der Vorschläge für die Bundesliste erfolgt erst 2013. Ursula Mehrfeld von der Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur in Dortmund spricht mit Achim Lettmann über die Chancen, die Motive und die Objekte, die fürs Ruhrgebiet bisher genannt sind.

Das industrielle Erbe gilt auf der Unesco-Liste als unterrepräsentiert. Ist dies der Hauptgrund, weshalb Sie sich Hoffnungen auf den erweiterten Titel „Weltkulturerbe fürs Ruhrgebiet“ machen?

Ursula Mehrfeld: Dass das industrielle Erbe unterrepräsentiert ist, wissen wir aus einem Lückenreport von Icomos. Das ist ein internationaler Beirat aus Denkmalpflegern, der das Welterbekomitee berät. Aber das war natürlich nicht der Antrieb, die Erkenntnis irgendwelche Lücken stopfen zu wollen. Das kam erst hinterher, dass wir die Bewerbung aus diesem Blickwinkel betrachtet haben. Ausschlaggebend war die Erkenntnis, dass das Ruhrgebiet mehr zu bieten hat als die Zeche Zollverein allein. Neben Zollverein in Essen sind viele andere Orte herausragend. Sie sind würdig, in den Status des Welterbes zu kommen. Das war unsere Erkenntnis. Zollverein hat nicht alleine diesen Rang. Ähnlich wie in dem ursprünglichen Antrag. Da war bereits vorgedacht, dass die Kulturlandschaft diesen Titel erlangen sollte. Da hat man damals, und das hat sich hinterher bei der Recherche herausgestellt, diesen Kulturlandschaftsbegriff innerhalb des Welterbekomitees anders definiert, als man das heutzutage tut. Damals war für die Vertreter in der Kommission nicht nachvollziehbar, dass Industrie auch Kulturlandschaften prägen kann. Im internationalen Vergleich liegt das auf der Hand, dass das ein bisschen schwierig ist. Frau Dr. Ringbeck, als Deligierte der Kultusministerkonferenz, hat unsere Bewerbung begleitet, und sie sagte, dass unser Antrag aus diesem Grund auch Chancen hat. Der Kulturlandschaftsbegriff hat sich innerhalb des Komitees geändert. Da haben wir noch mal hingeschaut: Wie war der Antrag damals ausgeführt? Da ging es eher um die Umgebung von Zollverein, geografisch auf Zollverein bezogen. Im Rahmen der Workshops hat sich die Idee entwickelt, dass man eine Serie von herausragenden Stätten benennt.

Ist das ein Trend in der Vergabepraxis, dass man ganze Landschaften als Weltkulturerbe ausweist?

Mehrfeld: Das weiß ich nicht, da bin ich zu wenig Welterbeexperte. Ich sitze ja nicht in diesen Kommissionen. Um uns Chancen auszurechnen, haben wir uns nur Einblicke verschafft. Das können andere besser beurteilen. Wir sind in der Rolle des Vorschlagenden.

Ist das Unesco-Siegel für die kulturelle Identität der Menschen im Ruhrgebiet wichtig oder vor allem für den Tourismus?

Mehrfeld: Das kann man so nicht trennen. Genauso wenig wie man das Kulturhauptstadtjahr in diese Teile zerlegen kann. Die Identität und die Effekte auf den Tourismus, die sind ganz eng miteinander verknüpft.

Lässt sich dann schlussfolgern, dass die Wertschätzung von touristischen Kulturstätten die Lebensqualität und die Identität der Bürger in der Region stabilisiert?

Mehrfeld: Also, ich bin davon überzeugt. Dass die Wertschätzung und der sorgfältig Umgang mit den Hinterlassenschaften des Industriezeitalters Bedeutung erlangt. Das hat in den letzten zehn, zwanzig Jahren ganz viel zur Identität beigetragen. Ganz sicher.

Sie haben eine Reihe von Objekten genannt, die zur Weltkulturerbelandschaft zählen können. Unter dem Begriff Rohstoffgewinnung sind es die Zeche Zollern in Dortmund, die Zeche Hannover in Bochum und Prosper in Bottrop. Gibt es auch Beispiele für Eisenerzgewinnung?

Mehrfeld: Mehr für die Verarbeitung haben wir die St. Antony-Hütte Oberhausen ausgewählt. Wir, das ist eine Arbeitsgruppe innerhalb unserer Workshop-Expertenrunde gewesen. Das sind die Denkmalschützer im Lande, des Rheinischen und Westfälischen Amts für Denkmalpflege, der Industriemuseen. Die Arbeitsgruppe hat eine vorläufige Auswahl an Objekten erstellt. Das sind rund 20 Objekte in zehn Städten. Die Rohstoffverarbeitung, aber auch die Gewinnung ist ein Thema. Wir werden jetzt auch immer wieder von einzelnen Städten angesprochen: Wieso ist kein Objekt aus unserem Gebiet dabei? Nun kommen wir zu der Erkenntnis, dass diese Arbeitsgruppe sich nochmal zusammen setzen muss und überprüfen. Nicht, um eine Verteilung auf Städte zu strukturieren, vielmehr um inhaltlich zu schauen, ob die gebildeten Kategorien von dem Beispielen auch gut repräsentiert sind. Wir haben einige Lücken noch im Bereich Haldenlandschaft, auch im Bereich der Verkehrsinfrastruktur. Da gehört der Schleusenpark Waltrop dazu, aber das sind noch einige Lücken. In einem nächsten Schritt muss jedes Objekt noch einmal befragt werden, ist es wirklich gut ausgesucht für diese Kategorie?

Wichtig ist, dass man die Kriterien der Auswahl verständlich macht. Zum Beispiel unter den Wohnbauformen, die aufgelistet worden sind, findet man Arbeitersiedlungen in Oberhausen und Essen, aber auch den Hohenhof in Hagen, ein Landhaus des Kunstreformers Karl Ernst Osthaus. Zählt das Objekt zur industriellen Kulturlandschaft?

Mehrfeld: Da sprechen Sie genau den Punkt an, den es im nächsten Schritt zu überprüfen gilt. Ist das Objekt wirklich sinnvoll und gut ausgewählt? Im Fall vom Hohenhof denke ich schon, weil oft mehrere Gründe dafür sprechen. Der Hohenhof wurde Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut, als Gesamtkunstwerk des Jugendstils. Es war durch den Bauherren Karl Ernst Osthaus in eine Reformbewegung eingebunden. Es war eben auch eine Reaktion auf die Auswirkungen der Industrialisierung auf das Leben und Wohnen. Die Reformbewegung trat ja den Auswirkungen der Industrialisierung entgegen. Als Ankerpunkt auf der Route der Industriekultur hat der Regionalverband genau diesen Aspekt herausgearbeitet. Was zusätzlich für die Auswahl sprach, war, dass wir als Industriedenkmalstiftung bündeln wollten, was an Initiativen im Zusammenhang mit dem landesweiten Interessenverfahren aufkam. Es gab Einzelinitiativen wie vom Hohenhof, aber auch vom Schleusenpark Waltrop, sich als solitäre Architektur oder als Schleusenparklandschaft um den Welterbestatus zu bewerben. Auch der Gasometer Oberhausen wollte sich im Nachgang zu Zollverein als Solitär für das Weltkulturerbe bewerben. Wir wollten nun die einzelnen Initiativen in einer gemeinschaftlichen Aktion bündeln. Das ist auch die besondere Qualität unseres Vorschlags.

Verkehrswege hatten Sie schon angesprochen, Schienenverbindungen mit dem Trajekt-Hafen und -turm in Duisburg zählen dazu, natürlich die Schleusen in Waltrop. Muss man da nicht auch auf die Autobahnen reagieren, die das Ruhrgebiet extrem strukturieren?

Mehrfeld: Man muss betrachten, was deklariert die Unesco als schützenswert? Das muss festgemacht sein an Stätten, an Objekten. Und das sind gebaute Architekturen, also die technikhistorischen Denkmale.

Es gibt drei Fördertürme der Zeche Radbod in Hamm, die kürzlich mit Fördergeldern verstärkt wurden. Haben Radbod und Hamm eine Chance, auf die Liste zum Weltkulturerbe zu kommen?

Mehrfeld: Da muss man im Bereich Rohstoffgewinnung schauen. Da haben wir ja sehr, sehr starke Objekte, die wir bereits in der Liste stehen haben. Das sind Zollverein Essen, Zollern in Dortmund, die Malakoff-Türme. Und es geht nicht um die Quantität der Objekte, es geht um einzelne, durchaus auch wenige Objekte, die für diese Kategorie ausgewählt werden. Und wenn wir diese darin haben, dann ist die Sparte gut abgedeckt. Gerade Zeche Radbod befindet sich im Eigentum unserer Stiftung. Aber wir haben auf die Experten nicht eingewirkt, unsere Objekte auf der Vorschlagsliste wiederzufinden. Gleichwohl ist dabei herausgekommen, dass zwei unserer Standorte dann doch dabei sind. Das sind die Kokerei Hansa Dortmund und der Malakoff-Turm der Zeche Prosper in Bottrop. Er hat eine besondere Form, ein Malakoff-Turm mit aufgesetztem stählernen Fördergerüst. Es geht keineswegs um Proporzdenken, sondern um die Qualität der Stätten, um die Signifikanz der Objekte im Bereich ihrer Kategorie.

Wer wird die Kriterien erarbeiten, die bei der Auswahl der Haldenlandschaften zum Tragen kommen?

Mehrfeld: Das ist eine gute Frage. Wir hatten Vertreter des Regionalverbands Ruhrgebiet und von Universitäten schon angesprochen. Es wird sicherlich im Januar, Februar an denen sein, eine Auswahl zu treffen. Ich sehe da vor allem den RVR als großen Träger der Haldenlandschaften, sicherlich auch die RAG Montan Immobilien.

Wie geht es nun weiter?

Mehrfeld: Wir brauchen einen ganz langen Atem. Intern bei uns werden wir die Objektauswahl nochmal überprüfen. Das andere ist, dass wir die Träger der ausgewählten Objekte erstmalig einladen wollen. Wir haben die Träger und Eigentümer per Schreiben um ihr Einverständnis gebeten und breite Zustimmung erfahren. Nun wollen wir die Träger und Betreiber fragen, wie wir in die Öffentlichkeit wirken können. Ein Wunsch von uns ist, dass wir eine Ausstellung erarbeiten, die als Wanderausstellung tourt. Wir wollen die Auswahl und die Kriterien transparent machen. Wir hoffen auch, dass Wirtschaftsvertreter als Paten unsere Initiative mittragen.

Die Stiftung

Die Stiftung Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur, die 1995 vom Land NRW und der RAG Aktiengesellschaft gegründet wurde, ist bundesweit die einzige Stiftung, die explizit hochrangige Industriedenkmale erhält. Derzeit betreut die Industriedenkmalstiftung zwölf Standorte in NRW mit Monumenten der Montanindustrie. Die Stiftung hat ihre Geschäftsstelle auf der Kokerei Hansa in Dortmund.

Quelle: wa.de

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