Ruhrfestspiele mit russischem Theater

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Drei Männer (Vladimir Simonov, Maxim Sukhanov, Vladadimir Vdovichenkov, von links) leben in ihrer Erinnerung. Szene aus „Wind in den Pappeln“ bei den Ruhrfestspielen.

MARL - Dies ist einer der Augenblicke, in denen man sich die Sinnfrage stellt. Drei Stunden Boulevardtheater auf Russisch liegen vor mir. Ich kann kein Russisch. Da aber dieses Jahr die Ruhrfestspiele ihr Motto, „A world stage“, mit einer Auswahl fremdsprachiger Theaterproduktionen besonders gewissenhaft umsetzen, erhalte ich Gelegenheit, zu testen, was geschieht, wenn man sich auf die Kunstform Theater minus das Sprachverständnis einlässt. Was bleibt: die sinnliche Erfahrung optischer, akustischer und visueller Effekte; die Übertragung von Gefühl durch fremde Laute? Was macht Theater, wenn man nichts versteht?

Im Theater Marl geben drei Darsteller des Moskauer Vakhtangov-Theaters ein Gastspiel. Das Stück „Der Wind in den Pappeln“ von Gérald Sibleyras ist gehobener französischer Boulevard. Auf dem Umweg London, wo es in der Übersetzung von Dichterstar Tom Stoppard ein Comedy-Hit im Westend wurde, hat es den Weg nach Moskau gefunden. Dort wurde es ein Vehikel für Maxim Sukhanov, Vladimir Simonov und Vladimir Vdovichenkov. Drei starke Darsteller, die sich das Stück mit Präsenz und Sinn fürs Groteske aneignen. Sie geben drei alte Männer, die in einem Sanatorium gelandet sind: trauriger Müll der Geschichte.

Es ist 1959. Die drei sind Veteranen der Grande guerre, ihre Erfahrungen von 1914-18 leben stark in ihnen, doch die Zeit hat sie überholt. Inzwischen hat schon der zweite Weltkrieg stattgefunden. Gesellschaftssysteme entstanden und stürzten. Das sieht aus russischer Perspektive noch anders aus, daran erinnern die verrauschten heroischen Märsche, zu denen der steifbeinige René (Vladimir Simonov) den Rücken durchdrückt und im Stechschritt marschiert.

Die Veteranen leben in einem physischen und geistigen Niemandsland. In der Moskauer Inszenierung (Regie: Rimas Tuminas) ist das eigentlich nicht lustig. Den Abend durchzieht ein schwer widerstehlicher Mix aus Erinnerung, Wehmut und einer Rebellion, die schon im Keim das Scheitern in sich trägt. Das ist aber nicht nur traurig, sondern borgt Melancholie von Tschechow und Witz aus dem Volkstheater. Das Stück schwebt angenehm im Dazwischen. Tuminas verzichtet auf Aktualisierung.

Zwar wird übertitelt, aber natürlich wird nicht jeder Satz oder gar jede Feinheit übersetzt. Dass ich wieder einen Witz verpasst habe, merke ich an dem Gelächter der etwa 100 Anwesenden. Offenbar können die meisten Russisch. Auf der Bühne geht es um Tod und Begehren, die Dinge, die noch Ziele des Denkens und Wünschens der Veteranen sind. Die Dialoge scheinen schärfer zu sein, als die Übersetzung verrät. Hat Gustave, den Vladimir Vdovichenkov als eine Variante des Gottesnarrs spielt, zu dem Gentleman René soeben „Parasit“ gesagt?

Die Veteranen verbindet eine seltsame Mischung aus Höflichkeit und Gift. Ihr geteiltes Schicksal macht sie untauglich für alles andere. Gustaves Gang wird von Krampfanfällen behindert, er torkelt wie ein verdrehter Chaplin. Er hat sich mit der Statue eines Hundes angefreundet. Manchmal dringt Geheul durch die Geigen und Gitarren, die die Szenen als Kommentar begleiten. Ist Gustave wirklich irre, oder hat sich die Realität aller drei verschoben wie der Riesenmond im Hintergrund? Die Antwort liegt in den weltfremden Blicken der Herren.

Komik steckt in den plötzlichen Anfällen Fernands (Maxim Sukhanov). Wenn er aufwacht, ruft er nach seinem „capitaine“. Dahinter steckt, ein kleiner Scherz, keine Kriegserinnerung, sondern ein amouröses Abenteuer. Die Zote muss man nicht verstehen, das Gelächter Vladimir Simonovs erzählt das Wesentliche.

Das Vakhtangov-Theater gibt am 22. Mai ein weiteres Gastspiel in Marl: „Ufer der Frauen“ nach Liedern von Marlene Dietrich. Tel. 0 23 61/92 18-0, www.ruhrfestspiele.de.

Quelle: wa.de

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