„Der eingebildete Kranke“ bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen

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Der „Eingebildete Kranke“ Argan (André Marcon, rechts) mit den „Bösen“: Béline (Catherine Matisse) und der Notar (Bruno Ricci). Szene aus der Inszenierung von Michel Didym.

RECKLINGHAUSEN - Klamauk ist manchmal ein goldener Vorhang, ein Versteck vor den ernsten Dingen des Lebens. In seiner Inszenierung von Molières „Eingebildetem Kranken“ spielt der Regisseur Michel Didym mit Elementen der Verfremdung, um den Hypochonder Argan als ewiges Kind zu entlarven. Das Gastspiel des Thèâtre de la Manufacture in Nancy war bei den Ruhrfestspielen zu sehen.

Argan (André Marcon) wird zunächst konventionell auf die Bühne gebracht. In der berühmten Eingangsszene zählt er das Geld, welches er dem Apotheker Fleurant schuldet. Er räsonniert mit ihm, aber adressiert das Publikum – Ach, seien Sie vernünftig, von wegen 30 Sous, ich gebe Ihnen die Hälfte. Kurz verfällt er in predigerhaftes Leiern, ein beliebtes Stilmittel für diese Szene.

Didym lässt der Komödie eine Weile ihren in tausend Reclamheften nachvollzogenen Lauf. Argan ist seinen Ärzten und Apothekern ganz hörig, will seine Tochter Angélique sogar an einen Doktor verheiraten. Seine zweite Frau, Béline, ist eher an Argans Erbe interessiert. Cathérine Matisse stößt schrille Schreie aus, die ihre Absichten für alle bis auf Argan kenntlich machen, aber als ihre Gier enthüllt wird, bleibt sie ruhig. Für einen Moment ist sie die Stimme der Wahrheit, die Argan sagt, was er nicht hören will.

Angélique (Jeanne Lepers als fohlenhaft ungelenke Schwärmerin) liebt Cléante (Barthélémy Meridjen) und hat das Dienstmädchen Toinette auf ihrer Seite. Norah Krief ist die Stimme der Vernunft, versteckt unter einer komischen Maske. Sie schimpft, provoziert und wirft Kissen auf ihren Chef. Die Rededuelle der beiden deuten an, dass Argan mit Toinette ein vergnügliches Leben haben könnte.

Marcon spielt konsequent das überdimensionierte Kleinkind, das sein Umfeld dazu bringt, es ganz zu verziehen. Von seinem Lehnstuhl aus sieht er lediglich, was hinter dem goldenen Vorhang hervorkommt, der sein Zimmer abtrennt (Bühne: Jacques Gabel).

Argan hüpft auf seinem Podex herum, als sein Klistier nicht pünktlich geliefert wird. Als Fleurant mit einer Riesenspritze – siehe Klamauk – ankommt, reckt Argan selbiges Hinterteil erwartungsvoll in die Höhe. Nur das alberne Pärchen Diafoirus ist ihm fast zuviel. Den jüngeren will er mit seiner Tochter vermählen, aber die Diafoirus’ sind nichts als Comicfiguren in Froschgrün.

Didyn beginnt unauffällig, eine zweite Ebene einzuziehen, indem er mit der Wahrnehmung herumspielt. Nach dem „Spiel im Spiel“, dem Schäfer-Duett zwischen Angélique und Cléante, führt er ein weiteres Intermezzo ein: Argans Familie tanzt in Phantasiekostümen vor ihm und besingt Jugend und Liebe. Argan schaut so blank hin, als glotze er ins TV.

Als das nicht hilft, versucht sein Bruder Béralde, dem Jean-Claude Durand tiefe Gelassenheit mitgibt, Argan Vernunft einzureden. Er hält ihm seine Gläubigkeit an den „Roman der Medizin“ vor. Krankheit ist Fiktion, Heilung eine Imagination. Was also ist real: meine Wahrnehmung oder die der anderen? Der „Eingebildete Kranke“ verhandelt eine der ältesten Fragen des Theaters selbst.

Didym bricht die Szene weiter auf: Ich verachte Molière, schimpft Argan, er macht sich über ehrenwerte Leute lustig. Jean-Baptiste Poquelin, alias Molière, lag, während er den Argan spielte, im Sterben – der ultimative Einbruch des Realen ins Theater.

Didyms Argan will nicht erwachsen werden. Deshalb siegt die Illusion. Eine Geheimgesellschaft von Doctores examiniert ihn in falschem Latein, dann schwebt ein Doktorhut ein. Argan wird Arzt und schwört, er wolle auf dem ganzen Erdball „zur Ader lassen und töten“.

Quelle: wa.de

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