67. Ruhrfestspiele mit dem Programm „Aufbruch und Utopie“ in Recklinghausen

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Freiheitsfragen: Cornelia Froboess (rechts) und Sybille Canonica spielen in „Die Anarchistin“ (Residenztheater München) von David Mamet in Recklinghausen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN– Hollywoodstars hatte Frank Hoffmann diesmal nicht im Ärmel. Der Intendant der Ruhrfestspiele kommt ohne Cate Blanchett, John Malkovich, Kevin Spacey oder Jeff Goldblum aus.

„Deutschland ist Hollywood“, sagte Hoffmann dann einfach im Festspielhaus Recklinghausen, wo das neue Programm vorgestellt wurde. „Aufbruch und Utopie“ heißt es und umspannt die Kulturepoche von 1889 bis 1933. Also von Gerhart Hauptmanns Stück „Vor Sonnenaufgang“ bis zur Machtübernahme der NSDAP. Deutschland sei in dieser Zeit Weltspitze mit Literatur-, Kultur-, Film- und Bühnenproduktionen gewesen, sagte Hoffmann, so will er den Vergleich verstanden wissen: „Heute wird man ein wenig neidisch“, fügt er an.

Die Ruhrfestspiele (1. Mai bis 16. Juni) zeigen vor allem deutschsprachige Theaterkunst, die auf den industriellen Wandel in der Gesellschaft reagierte. Moderne! Neben Bearbeitungen von Hauptmann gehören Ödön von Horvath, Frank Wedekind, Franz Kafka, Arthur Schnitzler, Hans Fallada, Thomas Mann, aber auch Henrik Ibsen dazu, sowie David Mamet („Die Anarchistin“), der zugegeben etwas aus der Zeit fällt.

Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, ist denn auch wichtig, dass die Technikneuerungen damals mit den Veränderungen der Kommunikation heute vergleichbare Korrekturen des Alltags erfordern. Khuon („Parallelität der Jahrhundertwende“) bringt mit „Hedda Gabler“ (Regie Stefan Pucher) die Eröffnungsinszenierung nach Recklinghausen. Nina Hoess spielt die Titelfigur, eine kluge, interessierte und beobachtende Frau, die einsam ist, weil sie in der patriarchalen Welt kein Gegenüber findet. „Sie bringt alles mit“, lobt Khuon dann doch schon einen Star der 67. Ruhrfestspiele.

So wird der grüne Hügel in diesem Jahr zum Mekka deutscher Bühnenkunst. Vor allem aus Berlin sind große Häuser zu Gast. Claus Peymann setzt „Frühlings Erwachen“ von Frank Wedekind ins Bild, mit 25 Darstellern. Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ kommen ebenfalls vom Berliner Ensemble. Regisseur Enrico Lübbe, der demnächst Intendant in Leipzig wird, bringt eine Theaterlegende mit, Angela Winkler. Die Schaubühne am Lehniner Platz (Berlin) lässt Sepp Bierbichler als Thomas Manns Dichter aus „Der Tod in Venedig“ auftreten. Das Maxim Gorki Theater bietet Falladas „Der Trinker“, den Samuel Finzi spielt. Birgit Minichmayr und Tobias Moretti sind in „Weibsteufel“ in einer Produktion des Residenztheaters München zu sehen. Intendant Martin Kušej inszenierte selbst „Die Anarchistin“ mit Cornelia Froboess.

Die lange Zusammenarbeit mit dem Schauspiel Frankfurt führt zu drei Inszenierungen. „Kleiner Mann, was nun?“ hätte den längsten Premierenapplaus eingebracht, preist Intendant Oliver Reese („ein warmes Zentrum“), die Produktion von Michael Thalheimer aus seinem Haus.

Festspielchef Hoffmann wird selbst „Rose Bernd“ (Hauptmann) mit Wolfram Koch und Jacqueline Malcaulay inszenieren.

Lange hat Hansgünther Heyme die Ruhrfestspiele geleitet (1990–2003). Nun kommt er mit „Gas“ von Georg Kaiser (Staatstheater Karlsruhe) zurück. Heyme knüpft an eine „Gas“-Inszenierung von Erwin Piscator in Bochum, einem Theatermacher der 20er Jahre. Es geht um Industriepleiten und Neuanfang.

Mit 318 Vorstellungen und rund 100 Produktionen an 18 Spielstätten soll die Erfolgsgeschichte der Ruhrfestspiele ab 1. Mai fortgeschrieben werden. Im letzten Jahr kamen 80 000 Besucher. Für die Reihe „Uraufführung“ ist sogar eine neue Industriehalle spielbereit. König Ludwig 1/2 (Recklinghausen-Süd) wird das Zelt neben dem Festspielhaus ersetzen, das wohl niemand vermisst: zu laut, zu warm, zu stickig. Khuon: „Wir freuen uns auf die neue Halle.“ Die Kleistförderpreisträgerin Maria Milisavljevic wird die Uraufführung von „Brandung“ zeigen, bei der junge Menschen irritiert sind, weil eine Freundin spurlos verschwunden ist. Milisavljevic ist gebürtige Arnsbergerin. Als Auftragsarbeit der Ruhrfestspiele feiert Oliver Bukowskis Stück „Wer ist die Waffe, wo ist der Feind“ Uraufführung, das von Meinhard Zanger, Wolfgang-Borchert-Theater in Münster, einstudiert wird.

Recklinghausen ordnet auch die zahlreichen Unterhaltungsprogramme. Das Theaterzelt im Stadtgarten heißt nun „EntertainTent“ und bietet witzige Auftritte wie die Eventkapelle Poliakoff Tuschuur. Auch das Kabarettfestival unter anderem mit Matthias Deutschmann, Nessi Tausendschön und Malediva findet hier statt. Das Fringe-Festival (21. Mai bis 8. Juni) wächst weiter und geht mit 25 Produktionen in die ganze Stadt. Sprachjonglage, Musik, Clownerie, Tanz, Akrobatik, Pantomime, Puppenspiel...

Und natürlich wird wieder gelesen (Corinna Harfouch, August Zirner, Ulrich Matthes...), musiziert (Die Fantastischen Vier) und Kindertheater gespielt. Die Kunsthalle stellt diesmal frühe Arbeiten von Jan Fabre aus.

Die wichtigsten Produktionen

Die Ruhrfestspiele starten mit dem Volksfest am Grünen Hügel am 1. Mai und enden mit dem Konzert der Fantastischen Vier, 15. Juni.

▪ Hedda Gabler von Ibsen. Mit Nina Hoess. 3.- 7. 5.

▪ Die Anarchistin. Cornelia Froboess. Regie Martin Kušej. 9.-11.5.

▪ Rose Bernd von Hauptmann. Regie Frank Hoffmann. 15.-19. 5.

▪ Frühlings Erwachen von Wedekind. Regie Claus Peymann.22.-24.5.

▪ Geschichten aus dem Wienerwald von Horvath.25.-28. 5.

▪ Red Giselle. Boris Eifman mit dem Ballet St. Petersburg. 30.5.-1.6.

▪ Der Tod in Venedig. Mit Sepp Bierbichler. 4.-6. 6.

▪ Der Weibsteufel. Birgit Minichmayr, Tobias Moretti. 8.-9. 6.

▪ Kleiner Mann, was nun? Regie Michael Thalheimer. 13.-16. 6.

▪ Gas von Georg Kaiser. Regie Hansgünther Heyme. 9.-11. 5.

▪ Der Trinker von Hans Fallada. Mit Samuel Finzi. 19.-22. 5.

▪ Anatol von Arthur Schnitzler. Schauspiel Frankfurt. 29.-31. 5.

▪ Mutter Kramers Fahrt zur Gnade. Mechthild Großmann. 15./16. 5.

▪ Fragmente II. Beckett-Texte von Peter Brook. 13.-16. 5.

▪ Die Hose/Bürger Schippel. Regie David Mouchtar-Samorai. 3.-5.5.

▪ Wir lieben und wissen nichts. Moritz Rinke-Uraufführung. 26.-28.5.

▪ Brandung. Maria Milisavljevic, Kleist-Förderpreis. 5.-7.5.

▪ Wer ist die Waffe, wo ist der Feind. Oliver Bukowski. 23./24.5.

▪ Ihre Version des Spiels. Mit Hannelore Hoger. 7.-12. Mai

▪ Das Nachtschiff. Von Marguerite Duras, mit Fanny Ardant. 2.6.

▪ Ein Dorf im Widerstand. Generalstreik von Mössingen. 7.-8.6.

▪ Die Verwandlung. Kafka. Projekt mit LWL-Klinik Herten. 2.-4.6.

▪ Cirkopolis. Vom Cirque Éloize. Deutschlandpremiere. 17.-20.5.

Karten-Tel. 02361 / 92 180; http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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