Ruhrfestspiele präsentieren „Onegin“ vom Eifman State Academy Ballet aus St. Petersburg

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Starke Tanzszenen vom Eifman State Academy Ballet aus St. Petersburg, zu sehen in Recklinghausen. ▪

Von Edda Breski ▪ RECKLINGHAUSEN–Es ist 1991. Auf dem Roten Platz in Moskau demonstrieren die Massen, die Polizei greift hart durch. Boris Jelzin reckt die Faust. Junge Menschen erproben ihre Kraft. Nur Onegin scheint sich einer modernen Oblomowerei hinzugeben. Doch bald wird klar, dass ihn etwas ganz anderes lähmt, nämlich sein Gefühl für Lensky, zu dem er, wenn keine offen homoerotische Beziehung, so doch eine zärtliche Bindung hat.

Der preisgekrönte russische Choreograf Boris Eifman ist mit Balletten bekannt geworden, die Stoffe modernisieren und zugleich breitflächig emotionalisieren. Für sein Eifman State Academy Ballet St. Petersburg hat er den Puschkin-Stoff um den gelangweilten Lebemann in die Zeit des Augustputsches in der zerfallenden Sowjetunion verlegt. Politisch ist sein Ballett allerdings nicht, es konzentriert sich auf die emotionale Verfassung der Figuren. Gefühle werden weniger nachgezeichnet als vielmehr in Bildern ausgebreitet. Die Verbindung zum Original, dem Versepos „Eugen Onegin“ und seiner berühmten Opern-Bearbeitung durch Tschaikowsky, hält Eifman über die Musik. Sie stammt aus der Oper und anderen Werken Tschaikowskys, ergänzend hat Alexander Sitkovetsky griffige Rocksequenzen geschrieben.

Eifmans „Onegin“ erzählt immer noch von Menschen, die aneinander vorbei lieben. Onegin (Oleg Gabyshev) erinnert sich: Er flüchtete vor Tumulten in St. Petersburg und traf die unerfahrene Tanya (Maria Abashova). Sie verliebte sich, schrieb ihm einen Brief, er wies sie ab. Er zettelte Streit mit Lensky an, indem er mit dessen Freundin, Tanyas Schwester Olga, flirtete. Lensky (Dmitry Fisher) starb von Onegins Hand. So weit die Vorlage, die relativ eng nacherzählt wird. Eifman illustriert die Geschichte mit Videoeinspielern und verschiebt den Schwerpunkt, indem er die Liebesbindung Tanya – Onegin zu einem Dreieck öffnet. Olgas (keck und beweglich: Ekaterina Zhigalova) Unglück scheint Tanyas zu spiegeln, doch das zweite Drama spielt sich eigentlich zwischen Onegin und Lensky ab. Der Tote kehrt zurück und tanzt mit Onegin ein Duo. Dazu lässt Eifman die Höllenfahrt aus „Francesca da Rimini“ einspielen: ein moralischer Kommentar, denn in der Sinfonischen Dichtung nach dem fünften Gesang der „Göttlichen Komödie“ wird ein Paar seiner verbotenen Liebe wegen verdammt.

Eifmans Haltung zum Stoff ist trotz der Verpackung konservativ. Seine modern geprägte choreografische Sprache ästhetisiert: Er schafft Menschenskulpturen, schöne Körper winden sich umeinander. Die Massenszenen sind effektvoll, besonders in den Traumsequenzen: Onegin fällt inmitten flatternden Stoffs rücklings in die Arme von Gruselgestalten. Auch die Gestik ist mehr als konventionell: Der verzweifelte Onegin beißt in seinen Arm. Lensky stirbt unter Olgas Küssen, und Tanya bläst eine Kerze aus.

Die Ästhetik der Sprungsequenzen und der Beleuchtung in Schwarz, düsterem Rot und geheimnisvollem Blau ähnelt der des Tanz-Schlagers „Rock the Ballet“. Als Tanyas Freundinnen auftreten, zitiert Eifman russischen Folkloretanz, Tanya bewegt sich über die Bühne wie eine rhythmische Sportgymnastin. Die langgliedrige Abashova gibt reizend das ungelenke Mädchen. Als erwachsene Tanya wird sie sich in die Arme des nächsten dominanten Mannes werfen. Gabyshev leidet als Onegin malerisch. Seine Verzweiflung darf er hauptsächlich durch Windungen am Boden ausdrücken. Schöne Körperformationen gibt es in den Duos mit Dmitry Fisher zu sehen.

Auch das Ende ist poetisch-konventionell: Die allgemeine Kraftmeierei des Anfangs hat sich zu Hedonismus verzähflüssigt. Tanya hat einen blinden General geheiratet, dem sie sich unterwirft. Onegin, der seine Liebessehnsucht auf Tanya übertragen hat, träumt, ihr Mann ersteche ihn wie er selbst einst Lensky. Doch er wacht auf in einem Sturm von Briefbögen. Leiden kann so schön sein.

7. Juni; Tel. 02361/92 180

Quelle: wa.de

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