Ruhrfestspiele: Albert Ostermaiers „Aufstand“

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Alles nur gespielt: Trotzki (Udo Wachtveitl, von links), Carlos (Luc Feit) und April (Jacqueline Macaulay) präsentieren Charles (Wolfram Koch, unten) als Opfer des repressiven Staates. Szene aus der Uraufführung des Stücks „Aufstand“ in Recklinghausen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ RECKLINGHAUSEN–Sie hocken in einer Reihe zusammen. Fünf, die sich in einem Stadtparlament verschanzt haben. Es gibt Fastfood, Softdrinks aus Pappbechern und politische Thesen von Charles. Die Luft brennt, so angespannt sind sie, die „Genossen“. Wenn Cheftheoretiker Charles diesen Begriff setzt, klingt er allerdings antiquiert, eine Worthülse aus früheren Zeiten. Heute ist der Stolz einer rebellischen Weltanschauung nur Geschichte. Aber wer sind sie, die „Genossen“, die „Unsichtbaren“, die Aufständischen?

Der Dramatiker Albert Ostermaier hat „Aufstand“ geschrieben. Eine revolutionäre Gruppe, die zum Widerstand aufgerufen hat, wird von Staatsdienern verfolgt, weil sie in der Bevölkerung Gehör findet. Ein zeitloses Szenario, das Ostermaier mit Motiven aus Schillers „Die Räuber“ und dem Leben des Dichters selbst konturiert. So streift er das Motto der Ruhrfestspiele „Schiller“ und schreibt für das Festival, dem gern die Massentauglichkeit angekreidet wird, ein Stück zeitgenössisches Theater. Außerdem hat Ostermaier die Zustandsbeschreibung des „Unsichtbaren Komitees“ genutzt, die 2007 im Internet publiziert war: „Der kommende Aufstand“. Der Dramatiker bringt Bilder, Vorstellungen und Erfahrungen zusammen, die die gesellschaftliche Umwälzung aus seiner ideologischen Meta-Ebene abrutschen lassen zwischen das quälende Gegeneinander der Widerspenstigen an sich. Dort ist kein Platz für Visionen. Es herrschen Neid, Eifersucht, Eigensinn und Selbstfindung.

In Recklinghausen wird die Uraufführung im Rathaussaal der Stadt gespielt. Auf drei Seiten umsitzen die Zuschauer den Konfliktraum, den Christoph Rasche (Bühne) in den Flur erweitert, um letztlich die Distanz zwischen Rebellen, Staat und Bürger(-Zuschauer) zu reduzieren. Dem engagierten Ensemble mit Udo Wachtveitl, dem Münchner „Tatort“-Kommissar Leitmayr, gelingt ein intensives und ungemein körperliches Kammerspiel, das bis zur greifbaren Gefährdung geht. Die Produktion der Ruhrfestspiele Recklinghausen zusammen mit dem Théatre National du Luxembourg hat Intendant Frank Hoffmann inszeniert.

Nahezu erwartet wirken Konflikte wie zwischen Mirror und Charles. Steve Karier bietet die hochrote Stirn zum Kampf. Er ist ein Querulant, weil er schon so aussieht, grimmig und grob. Um Charles zu locken, schubst er den Wortakrobaten vor die Holzvertäfelung. Wolfram Koch verschafft sich dagegen mit einem Hodengriff Respekt. Ein Hahnenkampf.

Die Brüder Carlos, nach einem Terroristen benannt, und Charles bringt der Sex mit April zusammen. Sie attackieren sich und halten im selben Augenblick einander in den Armen. Luc Feit (Carlos) spielt den Sponti, der das Schicksal des ungeliebten Sohnes tragen muss, wie Franz Mohr in „Die Räuber“. April, die mit beiden zusammen ist, soll sich ausziehen, so rüde überspielen die Brüder ihren Zwist. Und Jacqueline Macaulay zeigt die Verletzlichkeit einer Frau, die im Untergrund gar nicht mehr lieben kann. Umsturz oder Emotionen?

Als auf der Ermittler-Seite Gudrun (Anne Moll) auftaucht und gefragt wird, wessen Frau sie eigentlich ist, wird spürbar, dass sich Dramatiker Ostermaier Gefühle fürs Finale offenhält. Der Treibstoff allen Handelns ist auch in „Aufstand“ die Liebe, oder die, die man nie bekommen kann. So hat Ostermaiers neues Stück mehr vom tradierten Theater als man aufgrund der Thematik erwarten konnte. Sogar vom antiken.

Chefermittler Eduard, den Ulrich Kuhlmann verkniffen und blutleer kleinhält, will noch einen V-Mann in der Gruppe werben. Es wird Trotzki (Udo Wachtveitl), ein netter Verräter, der erfahren muss, dass der Tod seiner Frau vom Chefermittler selbst initiiert wurde. Sie starb wegen manipulierter Bremsen. Ein Schock und Indiz dafür, dass Rebellen gemacht werden, weil der Staat Feinde braucht. Solche Einsichten sind nicht neu, aber fesseln in Recklinghausen, da Regisseur Hoffmann seine guten Darsteller machen lässt. Und andererseits posieren Rebellen auf gestellten Fotos, um sich als Opfer eines repressiven Staates zu generieren. Jeder kämpft für sich, das amüsiert zeitweise. Aber am Ende bleibt Vergeblichkeit.

Das Stück

Über Revoluzzer, ihre Motive, Gegner, Theatervorbilder und ihre gebrochenen Biografien. Packend, spannend und sehr körperlich gespielt.

Aufstand von Albert Ostermaier im Rathaus Recklinghausen. 12., 13., 14., 15. Mai;

Tel. 0 23 61/ 92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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