Ruhr Museum in Essen zeigt eigene Fotosammlung: „Von A bis Z“

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Stimmung mit Schnappverschluss: „Ruth Hallensleben, Werbung für die Biermarke ,Schlegel Gold‘, Bochum 1954“, zeigt drei Bergmänner, zu sehen im Essener Ruhr Museum auf der Zeche Zollverein. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Stolz und zufrieden sieht das türkische Paar aus, das Brigitte Kraemer 1985 in Wanne-Eickel fotografierte. Im eigenen Garten lassen beide einen privaten, vielleicht liebevollen Moment zu, den man spürt, wenn zuhause alles geordnet ist. Die Fotografin hat an einem Langzeitprojekt über Türken im Ruhrgebiet gearbeitet. Ab Montag sind einige ihrer Bilder in der Ausstellung „A bis Z. Fotografie im Ruhr Museum“ zu sehen. Es ist der zweite Teil einer Foto-Schau auf der Zeche Zollverein in Essen.

So wie Kraemers Fotografien Heimat-Bilder sind, so will das Ruhr Museum eine Heimat im Revier sein. Allerdings wird die Industrialisierung an Ruhr und Lippe nur als Teil der Heimatgesschichte verstanden. Denn auch im Mittelalter und in früheren Zeiten hat es Menschen gegeben, die ihre Spuren hinterlassen haben, beispielsweise in Klöstern oder römischen Heerlagern.

Die Präsentation „Von A bis Z: Fotografie im Ruhr Museum“ startet eine Ausstellungsreihe, mit der die Stiftung Ruhr Museum und die Stadt Essen den Sammlungsbestand bis 2017 zugänglich macht. „Es ist alles getaktet und durchfinanziert“, sagte Theo Grütter, Leiter des Ruhr Museums. Es folgen die Sammlungen Mineralogie, Archäologie, Industriegeschichte und Geologie.

Nun aber zuerst zur Fotografie. Der zweite Teil komplettiert eine Präsentationsmethodik, mit der die Leiterin des Fotoarchivs, Sigrid Schneider, den Formen der fotografischen Überlieferung gerecht werden will. Begriffe wie Pressefotografie, Routine, Stil, Werksfotografie, Zerfall werden mit Bildbeispielen belegt und gleichzeitig wird die Archivarbeit strukturiert. Neben Heinrich Fleischhauers Foto „Essen: Rathaus“ (1889) wird in der Abteilung „Zeitschnitte“ eine Aufnahme von 1961 gehängt, die das Gebäude ohne Turmspitze zeigt. Zur „Werbung“ ist eine Aufnahme von Ruth Hallensleben zu sehen, die drei gut gelaunte Bergmänner mit dem Durstlöscher „Schlegel Gold“ (1954) vereint. Hier geht‘s wieder aufwärts – auch wirtschaftlich.

Das Fotoarchiv hat mittlerweile drei Millionen Bildträger, eine Million ist digital zugänglich. Auf Initiative von Ute Eskildsen, die ehemalige Leiterin der Fotografischen Sammlung am Museum Folkwang, war die Fotosammlung zum Ruhrgebiet 1987 gegründet worden. Sigrid Schneider hatte das Fotoarchiv mit 300 000 Bildern 1990 übernommen und weiterentwickelt. Sie holte Fotos ins Haus, die Aspekte der Wirklichkeit wiedergeben, also „Fotografie im dokumentarischen Stil“. Vor allem die Bilder von Pressefotografen stellen das Gros der Sammlung.

In der Rubrik „Klassiker“ macht die Ausstellung klar, dass das Profil des Reviers und das Selbstverständnis seiner Bewohner von diesen Fotografien mitgeprägt wurden. Nicht selten entstanden Mythen und Klischees daraus. Wie das Bad in der Zinkwanne. Michael Wolfs Schnappschuss gehört zur fotografischen Examensarbeit „Die Lebensbedingungen einer Bergmannssiedlung am Beispiel von Bottrop-Ebel“ (1977). In der Küche wird gebadet. Heute heißt so etwas „Kult“.

Zur nüchternen Bestandsaufnahme zählt dagegen „Förderturm Zeche Sälzer-Amalie, Essen“ (1982) von Bernd und Hilla Becher, die mit ihrem sachlichen Stil eine ganze Fotoschule begründen sollten – allerdings in Düsseldorf. „Heimweg nach der Schicht bei der Ho  esch AG, Dortmund-Ewing“ (1970) von Jürgen Hebestreit ist auch ein Sujet der Ruhrgebietsfotografie, das gleich ein wenig berührt. Ein Vater fährt mit seinen beiden Kindern Rad vor der grauen und harten Stahlwerkkulisse. Feierabend, Unter Tage und Trümmerfrauen sind weitere „Klassiker“. Willy van Heekern gelingt es schon 1946 mit seinen „Trümmerfrauen“ das deutsche Fräuleinwunder vorweg zu nehmen, so kess lächeln die jungen Damen aus Essen. Es gibt auch das obligatorische Fußballbild, aber als Sportreportage haben sich die Ausstellungsmacher für den Motorsport (Nürburgring) entschieden.

Natürlich bietet die Sammlung nicht nur Motive aus dem Ruhrgebiet. Ruth Hallensleben dokumentiert die Arbeit in der Strumpffabrik Medebach 1966. Die Trauung von Arndt von Bohlen und Halbach fand 1969 auf Schloss Blühnbach in Österreich statt. Die Fotografin Marga Kingler machte ein bisschen Boulevard. Neben Gesellschaftsbildern überwiegt allerdings sozialer Realismus in Essen. Kingler schaute mit einer Reportage in die „Notunterkunft, Wattenscheid“. Kleinkinder sind im Wohnschlafzimmern zu sehen, mit dem Tauchsieder wurden Frühstückeier gekocht. Es sind Fotografien aus den 60ern, die bedrückend wirken, weil diese Not auch nach dem Wirtschaftswunder noch für viele Alltag war.

Kühl und kommentarlos dagegen der Fotograf Thomas Struth, wenn er „St. Bonifatius, Duisburg-Wanheim“ (1987) zeigt. Sein monströser Kirchturm verstrahlt architektonische Eigenheit. Das Bild entstand, wie „Türkisches Ehepaar“ von Brigitte Kraemer, für die Ausstellung „Endlich so wie überall“, die 1987 im Ruhrlandmuseum Essen stattfand, dem Vorläufer des Ruhr Museums.

Die Stadt Essen ist Eigentümer der Fotografien. Sie garantiert als Körperschaft, dass die Sammlung existent bleibt. Die Stiftung Ruhr Museum verwaltet die Bilder treuhänderisch.

Die Schau

Die Fotografie im Ruhrgebiet, aber nicht nur Revierbilder. Gut strukturiert, keine Nabelschau.

Von A bis Z. Fotografie im Ruhr Museumauf der Zeche Zollverein in Essen.

Ab Montag, 1. Oktober, täglich 10 bis 18 Uhr, bis 14. April 2013; Katalog 19,80 Euro im Verlag Walther König.

Tel. 0201 / 24681 400

http://www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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