Das Ruhr Museum beleuchtet den „Mythos Krupp“

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Der nahtlose Radreifen war der erste Exportschlager der Firma Krupp. Radsatz der Dampflokomotive Baureihe 41 (1938/40), zu sehen im Ruhrmuseum Essen. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Mit rechten Dingen konnte es bei der Firma Krupp nicht zugehen: „Kanonen-König“, nahtloser Radreifen und Flottenbauer. Vor dem ersten Weltkrieg stigmatisierte eine englische Karikatur die Werkstätten der Essener Firma als „Gießerei des Teufels“.

Hier entstanden Geschütze und die Kriegsmarine für Kaiser Wilhelm II., die die britische Seemacht gefährdete. Den Wettkampf der Nationalstaaten, der auf den Schlachtfeldern 1914–18 seinen unrühmlichen Höhepunkt hatte, bebilderten die Künstler. Heinrich Kley reagierte auf die Dämonisierung und malte 1914 „Die Krupp‘schen Teufel“, wie sie sich im roten Schein des glühenden Stahls am heißen Stoff berauschen. Diese feiste Prahlerei in Öl hängt in der Ausstellung „200 Jahre Krupp. Ein Mythos wird besichtigt“. Im Essener Ruhr Museum wird nachgefragt. War Krupp wirklich mit dem Teufel im Bunde?

Die Ausstellung versucht, durch Ordnung dem Mythos Krupp beizukommen, und bietet drei Hauptthemen: Die Stahlproduktion, die Familie Krupp und die Werksgemeinschaft der Kruppianer. Rund 1500 Exponate sind ausgestellt. Vor allem das Historische Archiv Krupp hat Objekte ausgeliehen. Unterstützung kam auch von der Alfried von Bohlen und Halbach Stiftung. Aber dass es keine Firmenschau geworden ist, dafür bürgt der Direktor des Ruhr Museums, Theo Grütter. Im Vorfeld seien alle Krupp-Experten zusammen gekommen.

Die Ausstellung kann den Mythos letztlich nicht packen. Er ist zu vielschichtig. In 85 Kapiteln wird die Firmengeschichte parzelliert. Und das Staunen bleibt. Fotografien, Exponate, Film- und Hörstationen fesseln.

Das Produkt Stahl allein hat mythische Dimensionen, da es aus dem Feuer kommt und die „Ewigkeit“ des Stahlzeitalter begründete. Der Familie wird auf die Fahne geschrieben, immer das persönliche Glück der Firma geopfert zu haben.

Interessant, dass die Leistung der frühen Krupp-Frauen herausstellt wird. Friedrich Krupp (1787–1826) hatte die Gießerei abgewirtschaftet, die seine Frau Therese wieder profitabel machte. Zu lesen ist eine Anzeige der Witwe am 22. Oktober 1826 zur neuen Firmenleitung.

Alfred Krupp (1812-1887) verließ als 14-Jähriger die Schule und sollte später mit dem Tiegelstahlverfahren und dem nahtlosen Radreifen die ersten Profite einfahren. Die Entwicklung der Eisenbahn in Nordamerika und Europa ist ohne Krupps Technikfortschritt nicht denkbar. Zwischen 1853-57 wurden 5685 Radreifen verkauft. Ein Radsatz von 1938/40 ist ausgestellt.

Für dieses Produktionsvolumen waren gute Mitarbeiter wichtig. Der Kruppianer- Mythos entstand bereits Mitte des 19. Jahrhunderts, als Krupp mehr zahlte als die Konkurrenz. Denn die Fluktuation der Facharbeiter war zur Zeit der frühen Industrialisierung groß. Seine „Brot-und-Butter-Politik“ hatte ökonomische Gründe. „Von der Wiege bis zur Bahre“ galt aber nur für Stammarbeiter. Ein kleiner Prozentsatz. Es gab Wohnsiedlungen und den Konsum. Sogar im Steckrübenwinter 1916 soll es noch Lebensmittel gegeben haben.

Die Ausstellung belegt, wie großzügig die Krupps waren. In der Villa Hügel ist eine Kartei entdeckt worden, in der Gustav Krupp von Bohlen und Halbach (1870–1950) über 4000 Adressaten für mäzenatische Gelder notiert hatte. Selbst Schulen in China wurden finanziert. Unter Friedrich-Alfred Krupp (1854–1902) war ein Weltkonzern gewachsen, der die Herrscher und Potentaten zum Kauf von Stahlprodukten einlud. Auch deshalb hatte die Villa Hügel 269 Zimmer – Europas größtes Privathaus. Staatenlenker wurden hier bewirtet.

Der Wille zum Erfolg scheint ein Familien-Gen der Krupps zu sein. Urkundlich ist als erster Arnd Kruipe 1587 erwähnt. Der niederländische Kaufmann kehrte dem spanischen Katholizismus den Rücken und kam nach Essen, wo er Kontakt zu den ersten Familien der Stadt aufnahm. Die Krupps stellten Bürgermeister, Stadtsekretäre, kauften Immobilien, handelten mit Wein und Vieh, bevor das ganz große Geld mit Stahl gemacht wurde.

Der Mythos vom „Kanonenkönig“ entstand bereits 1870/71, als Preußen die Franzosen besiegte. Die Stahlkanonen von Krupp – eine Feldkanone (1874) ist in der Schau zu sehen – waren den bronzenen des Gegners überlegen. Krupp wurde Waffenschmiede. Die „Dicke Bertha“ (42 Zentimeter Granate) sollte französische Betonbunker im ersten Weltkrieg brechen. Sie war aber ein Propaganda-Geschoss, denn es gab nur zwölf dieser Riesenmörser. Hitler forderte im 2. Weltkrieg wieder ein gigantisches Rohr – Dora (80 Zentimeter). „Der Führer“ setzte auf Artillerie. Er hatte den Stellungskrieg erlebt. Bis 1945 war Krupp einer von mehreren großen deutschen Rüstungskonzernen.

Die Ausstellung sortiert, erklärt und zählt auf. Museumsdirektor Grütter strahlt, wenn er vermittelt, was ihm die Kruppianer erzählt haben: „Das ist der schiere Hammer!“ So fühlt sich der Mythos an.

200 Jahre Krupp. Ein Mythos wird besichtigt im Ruhr Museum Essen. Bis 4. November; täglich 10 bis 20 Uhr; ab 1. Oktober 10 bis 18 Uhr; Katalog im Klartext-Verlag 24,80 Euro.

Tel. 0201 / 24681 400

http://www.ruhrmuseum.de

Quelle: wa.de

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