Rückriem, Sasse, Luhmann in der Bielefelder Kunsthalle: Serendipity

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Inspiration des Suchenden – Niklas Luhmann mit seinem Zettelkasten ist ein Thema der Ausstellung „Serendipity – Vom Glück des Findens“ in der Bielefelder Kunsthalle.

Bielefeld - Wer etwas verloren hat und es wieder findet, der freut sich. Wer etwas zufällig entdeckt, was er gar nicht gesucht hat, spürt sogar ein Glücksgefühl. Wer kennt das nicht? Es ist eine Dimension erreicht, die über das Lineare hinausgeht und deshalb den Geist entzückt.

Um solche Erlebnisse geht es in der Ausstellung der Bielefelder Kunsthalle: „Serendipity. Vom Glück des Findens“. Zu sehen sind drei Positionen: Zwischen der zeichnerischen Arbeit des Bildhauers Ulrich Rückriem und den gesammelten, bearbeiteten und mehrfach geordneten Bildern des Fotografen Jörg Sasse ist der Zettelkasten des Soziologen und Systemtheoretikers Niklas Luhmann die Gelenkstelle der Präsentation. Luhmann (1927–1998), der in Bielefeld forschte und lehrte, ist ein großer Denker der Sozialwissenschaft, der an seinem Nimbus mitwirkte. „Der Kasten schreibt die Bücher“, sagte Luhmann und meinte einen Zettelkasten, den er bereits als Jura-Student pflegte.

Im Foyer der Kunsthalle steht dieses Mysterium: Über 110 000 handbeschriebene Karteikarten in sechs Kästen mit mehreren Auszügen. In Vitrinen sind die Zettel beispielhaft ausgelegt, die gegliederte Systematik ist von Johannes Schmidt, Leiter des Luhmann-Nachlasses, an die Wand gebracht, und 60 Bücher sind gestellt, die Luhmann mit Hilfe des Zettelkastens geschrieben hat: „Politische Soziologie“, „Liebe als Passion“, „Funktion von Religion“... Dem Phänomen rückt man in der Kunsthalle etwas näher, aber hinter das Geheimnis kommt man nicht. Wichtig ist, dass Luhmann Erkenntnisse zu Themen notierte, und gleichzeitig diese Geistesfunde wiederum untereinander mit Nummern verknüpfte. So konnte er Suchwege einschlagen, die neue gedankliche Verbindungen ermöglichten. Luhmann systematisierte die zufällige Einsicht mit seinem Zettelkasten.

Aufschlüsseln muss Johannes Schmidt diese Arbeitsweise. Er leitet ein Forschungsprojekt, das in 16 Jahren für fünf Millionen Euro Luhmann transparent machen will. Der Kasten wird digitalisiert und soll schon in nächster Zeit ins Internet gestellt werden. Der Aufsatz „Kommunikation mit Zettelkasten“, den Luhmann selbst geschrieben hat, ist ein weiterer Zugang, an den André Kieserling erinnert. Der Soziologe sitzt auf dem Luhmann-Lehrstuhl in Bielefeld.

Die Verbindung zu dem Fotografen Jörg Sasse liegt im Ziel begründet: Luhmann und Sasse wollen Bedingungen schaffen, um etwas zu finden, das überrascht. Sasse hat bei seiner Archiv-Arbeit bemerkt, dass sein Text zu den Bildern, die er damit beschreibt und ordnet, in der Regel nur begrenzt ist. Ein Bild bietet mehr. Sasse („Das Überraschende ist etwas tolles“) sortierte für sein Werk „Speicher II“ 5000 Ruhrgebietsfotos (2010). Unter den Begriffen Gemeinschaft, Dreier, Raster, Abstrakt, Freizeit, Zuhause, Wohnhäuser... ordnete er diese eigenen Fotos und Nachlassbilder aus der Region. Er bearbeitete die Fotos digital, reduzierte Zeitbezüge und rahmte jedes einzelne. In Bielefeld stecken sie im kühl nüchternen Speichergestell. An der Wand findet sich eine Fotoreihe zum Begriff „Energie“: Kohlekraftwerk, Segelschiffe, der Wasserstrahl eines Brunnens, ein Dauerläufer am Fluss und ein Ruderboot als Wikinger-Attrappe interpretieren „Energie“ verschieden. Alle Fotos (mit verschiedenen Signaturen) lassen sich zu weiteren Begriffen zusammenstellen. Es gibt 240 000 Möglichkeiten, Foto-Reihen zu hängen. Sasse, Becher-Schüler aus Düsseldorf und in Bad Salzuflen geboren, hat alle in einem Buch notiert. Der Fotograf will das Foto an sich von einer festen Begrifflichkeit lösen und in neuen Kontexten anders gewichten. Der Speicher ist für Sasse ein Arbeitsinstrument, das hilft, mehrere Bilder besser zu verstehen. Außerdem zeigt Bielefeld Sasses Serien „Stillleben“, „Lost Memories“, „Tableaus“ und die neu entstandenen „Cotton Paintings“. Hier sind Bildscans von Stoffmustern auf Baumwollpapier gedruckt. Für Sasse eine Fotografie, die haptische Qualitäten zeigt.

Solche feinen Material-Reduktionen sind auch im Werk Ulrich Rückriems zu finden. Seit zehn Jahren hat der Künstler keine Steinblöcke mehr gebrochen. Er zeichnet mit Graphitstift Quadrate aufs Papier und hebt dann mit Tesafilm eben dieses Graphit in Streifen von dem Quadrat ab, um das feine Material gleich daneben wiederum als Viereck „aufzukleben“. Wegnehmen bedeute für Rückriem bildhauerische Arbeit, sagt Kunsthallen-Direktor Friedrich Meschede.

Systematisch sind vor allem Rückriems Zeichnungen, die auf den „Großen Kosmos“ von 1973 zurückgehen. Damals hatte Rückriem durch Teilung von Flächen im Bild den Arbeitsprozess der Bildfindung aufgedeckt. Dagegen basieren die abstrakten mehrfarbigen und vielflächigen Zeichnungen in Bielefeld auf regelmäßigen Verbindungen von Punkten im Bild. Die Koordinaten gehen auf ein Schachbrett zurück, dass Rückriem als „Damenproblem“ bezeichnet. Ihm ist vor allem wichtig, dass seine Subjektivität als Künstler in der Bildproduktion schwindet.

Die Schau

Systematiken, die zeichnerische, gedankliche und fotografische Qualitäten sichtbar machen, haben eine innere Logik, die im Ausstellungsraum nicht immer wirkmächtig ist.

Serendipity. Vom Glück des Findens. Niklas Luhmann, Ulrich Rückriem, Jörg Sasse in der Bielefelder Kunsthalle. Bis 11. 10., di-so 11–18 Uhr, mi bis 21 Uhr; Katalog erscheint Mitte August; Tel. 0521/32999 500

www.kunsthalle-bielefeld.de

Quelle: wa.de

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