Rubens-Preis und Ausstellung in Siegen für Bridget Riley

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Die englische Malerin Bridget Riley erhält den Rubens-Preis der Stadt Siegen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ SIEGEN–Ein Gemälde von Bridget Riley möchte man entschlüsseln. Was zum Beispiel haben in „Après Midi“ (1981) die zwölf schwarzen Streifen zu besagen? Gibt es einen Bridget-Riley-Code? Die farbige Streifen stehen vertikal nebeneinander, türkis, orange, rot, ocker... Es gibt keine Regelmäßigkeit, selbst wenn sich einmal eine Abfolge wiederholt wie das grün-rot-grün von links, das rechts wieder auftaucht.

Später hat Bridget Riley die Muster schwieriger gestaltet. In dem mehr als vier Meter breiten Bild „Cadence 8“ (2007) zum Beispiel gibt es immer noch eine vertikale Gliederung, aber sie ist überlagert von einer dagegen verschobenen schrägen Struktur. Zusätzlich sind Kurven in die Formen eingewoben. So mischen sich zwei Bewegungen, die gerade fallenden Streifen und die schrägen, und weil mal die eine, mal die andere dominiert, weil Gerade und Kurve sich irritieren, hat der Betrachter den Eindruck eines beschwingten Tanzes. Auch hier versucht man, in verwobenen Streifen eine klare Struktur zu finden.

Bridget Riley erhält am Sonntag den Rubens-Preis der Stadt Siegen. Sie ist die zwölfte Trägerin der Auszeichnung, mit der die Stadt an ihren berühmtesten Sohn erinnert. Der Preis ist nicht nur mit 5200 Euro dotiert, sondern auch mit einer Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst verbunden.

Die 1931 in London geborene Künstlerin gehört zu den wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Sie war zweimal zur documenta in Kassel eingeladen, stellte bei der Biennale in Venedig aus. Schon 1965 zeigte das MoMA in New York ihre Werke. Lange ordnete man sie der Op-Art zu, einer Kunstform, die mit optischen Effekten spielt. Sie fühlt sich damit nicht wohl, auch wenn ihre Bilder in die Richtung weisen mit ihren kräftigen Farben, die miteinander reagieren und so oft den Blick verwirren.

Riley sieht sich eher im Kontext von Farbmalerei und Abstraktion. Sie habe eine starke Beziehung zur Natur, sagt sie. Sie möchte dem Betracher etwas zum Anschauen geben. Sie sieht den Maler überhaupt als denjenigen, der das richtige Sehen lehrt. Sie möchte Sinneseindrücke schenken, ungefähr so wie ein Komponist mit seiner Musik. Der Pointillist Georges Seurat ist ein Vorbild, auf das sie sich immer noch beruft, für sie einer der ersten abstrakten Maler. 1960 hat sie eine Landschaft von ihm nachgetupft. Matisse ist ebenfalls eine Inspiration, ihre Arbeiten mit den Kurven erinnern zuweilen an seine Tanzbilder. Und der Rhythmus ist eine zentrale Größe in ihrer Kunst.

Die Siegener Ausstellung blendet allerdings das frühe Schaffen aus, setzt erst um 1980 ein, mit dem reifen Schaffen der Künstlerin, wie Museumsdirektorin Eva Schmidt erläutert. Riley selbst hat die 38 Werke in der zweiten Etage inszeniert. Zwei Wandgemälde und eine Wandzeichnung gehören zu den Höhepunkten der Schau. Vor allem aber kann man ihre serielle, penible Arbeitsweise kennenlernen. Die Bilder wirken mathematisch streng. Aber sie sagt, dass Geometrie sie nicht interessiert. Sie tüftelt in kleinen Skizzen und Collagen eine Komposition aus. Dann prüft sie die gefundene Form, indem sie sie als Gouache ausführt. Erst, wenn sie dann noch damit zufrieden ist, wird das Bild im großen Format realisiert, von Assistenten. Denn es geht bei Rileys Kunst nicht um individuelle Handschrift, sondern um präzise vorgeschriebene Formen. Die Wandbilder werden nach der Ausstellung überstrichen. Eins hat die Staatsgalerie Stuttgart angekauft: Dazu wird nicht eine Wand herausgebrochen, sondern es wird eine Version dort hergestellt, nach den Vorgaben Rileys.

Ihre Kunst erlebt man in Siegen wirklich sinnlich: In einem Raum sind die „Cadence 8“ und die Wandversion „Arcadia“ gegenübergestellt. Beim Wandbild scheint das Motiv den Rahmen gesprengt zu haben, die Malerei strebt in den Umraum. Dieses Wuchern steht für die Natur in Bridget Rileys Kunst.

Bridget Riley im Museum für Gegenwartskunst, Siegen.

Preisverleihung: Sonntag, 11 Uhr, Siegerlandhalle. Ausstellung 1.7.–11.11., di – so 11 – 18, do bsi 20 Uhr,

Tel. 0271/ 405 77 10, http://www.mgk-siegen.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 24,90 Euro

Quelle: wa.de

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