Rossinis „Barbier von Sevilla“ in Gelsenkirchen

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Liebeswirren: Szene aus dem „Barbier von Sevilla“ in Gelsenkirchen mit Hong-jae Lim und Alfia Kamalova.

Von Edda Breski

Gelsenkirchen - Die Ehe des Grafen Almaviva mit Rosina nimmt keinen sonderlich glücklichen Verlauf. Der Opernfreund weiß das aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Die Vorgeschichte erzählte Gioacchino Rossini im „Barbier von Sevilla“. Aber was, wenn es nicht der reiche Graf war, der die junge Rosina bezauberte – sondern ein Bursche namens Figaro?

Die Frage stellt die Regisseurin Michaela Dicu am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen. Dort setzt sie den „Barbier“ als Boulevardkomödie in Szene. Die Typen aus dem Libretto von Cesare Sterbini sind auch danach: Da ist der Vormund Bartolo (Joachim Gabriel Maaß), der sein Mündel selbst heiraten möchte. Rosina (Alfia Kamalova), hier ein keckes Miststück, träumt vom Helden, der sie aus dem kahlen Holzhaus befreit, in das ihr Vormund sie sperrt. Die Behausung hat Fenster zum Herauslugen und Zuschlagen wie im bayerischen Volksstück und sieht innen aus wie eine reichlich angestaubte Schützenhalle (Bühne: Vera Koch). Zu Beginn hängt eine Bande gedungener Ständchensinger den Almaviva an der Hauswand auf. Da baumelt der Ritter von der traurigen Gestalt.

Auftritt Figaro. Ein flotter Naturbursche in Khakihosen, ein Typ mit absurden Einfällen. Seine Schwäche: Er ist verliebt in Rosina. Nur hat er keine Chance gegen den reichen Retter. Um die Dreiecksgeschichte zu verdeutlichen, wurden deutsche Sprechpassagen eingeführt, die Sätze klingen recht klapprig.

Der Ansatz ist plausibel, die Umsetzung hat zwei Schwächen. Zum Ersten die Logik: Wenn Rosina glaubt, der als armer Student Lindoro verkleidete Graf habe kein Geld in der Tasche – warum nimmt sie dann nicht Figaro, den sie anschmachtet? Zum Zweiten fehlt es am Tempo für eine gute Komödie. Zwischen Türenschlagen und Auf-die-Szene-Stolpern gibt’s viel Leerlauf. Auch wenn Lindoro und Figaro sich – wirklich aus Versehen? – küssen, kommt nicht viel Komik auf.

Wenn man im Gelsenkirchener „Barbier“ Witz sucht, muss man auf das Orchester hören. Dirigent Valtteri Rauhalammi treibt Rossinis Witzmaschine mit der Neuen Philharmonie Westfalen fleißig an. Im „Ambossfinale“ des ersten Aktes erzeugt er viel Wind, und spöttisch klopft die Triangel dazwischen. Denn Rossinis Witz schaukelt und dreht sich um die Achse der Wohlanständigkeit. Seine Figuren tanzen in einer glanzvollen Promenade um die Piazza der Bürgerlichkeit herum. Das ist in Dicus Regie kaum zu ahnen.

Da hilft auch Michael Dahmens jungenhafter Figaro nicht (er teilt sich die Rolle mit Piotr Prochera). Er bringt die Faktotum-Arie temporeich über die Rampe und ist auch sonst stimmlich wie schauspielerisch agil. Hongjae Lims Lindoro/Almaviva bietet ein schönes Timbre, muss sich zu seinen Höhepunkten aber hörbar aufschwingen.

Alfia Kamalovas biegsamer Sopran funkelt und glänzt eiskalt. Die „Viper“, so beschreibt sich Rosina selbst, nimmt man ihr sofort ab. Als Basilio bringt Dong-Won Seo mit seinem mächtigen, etwas halligen Bass nicht nur den Schlager der Verleumdungsarie, sondern darf im zweiten Akt als Alleinunterhalter „In Dreams“ von Roy Orbison singen. Dazu knutscht dann alles, was gerade auf der Bühne ist.

26., 28.4., 2.,3.,9.,20., 24., 25.5.

Tel. 0209/4097200,

www.musiktheater-im-revier.de

Quelle: wa.de

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