Der Roman „Secret Agency“ von Alper Canigüz

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Erzählt kunstvoll und überdreht: Alper Canigüz.

Von Ralf Stiftel - Harmloser könnte kein Buch beginnen. Ein arbeitsloser Texter, Musa, bekommt eine Stelle in einer Werbeagentur angeboten. Doch dass die „Secret Agency“ in Alper Canigüz’ Roman genau so heißt, dass die Räume auf lebensfeindliche Temperaturen gekühlt werden und ein Kater das Sagen hat, der Seytan Bey heißt, wie Scheitan, der Teufel, und Gedanken liest, das bringt Tempo in die Sache.

Dies ist das zweite Buch in deutscher Sprache von Alper Canigüz, 1969 in Istanbul geboren. Vorgelegt hat es der Berliner Binooki-Verlag, der türkische Gegenwartsliteratur auf den deutschen Markt bringen will. Canigüz nutzt in seinem überdrehten Thriller alle Schlichen postmoderner Literatur. Man sollte den Anfangssatz des Romans sehr ernst nehmen: „Als ich erfuhr, dass Jorge Luis Borges und Kemalettin Tugcu ein und dieselbe Person waren, hielt ich das für die schrecklichste Tatsache in meinem Leben. Doch wie sehr hatte ich mich getäuscht.“ Tugcu schrieb Kinder- und Jugendbuchromane, vielleicht kann man ihn mit Karl May oder Enid Blyton vergleichen. Ein krasser Kontrast jedenfalls zum argentinischen Großautor verrätselter Geschichten.

Musa gerät im Roman in einen totalen Schlamassel. Es gibt Tote. Menschen verschwinden. Und dafür tauchen Weltraumkreaturen auf, die einen Komplott gegen die Menschheit schmieden. Und Ayberk und Berkay, ein skurriles Duo, das Schulze und Schultze ähnelt, den trotteligen Detektiven aus Tim und Struppi. Der kleine Prinz von Saint-Exupery spielt ebenso eine Rolle wie Prinz Charles, der britische Thronfolger, und Nikola Tesla, ein Pionier der Elektrotechnik. Es gibt Action-Szenen auf griechischen Inseln, die im Delta-Flieger angesteuert werden. Und ein Showdown im Kloster auf dem Berg Athos. Vor allem aber verliebt sich Musa unsterblich in seine wunderschöne Vorgesetzte Sanem – und seine Neigung wird erwidert.

Der Leser darf sich amüsieren, weil es so sehr knallt und rummst und zwischendurch skurrilste Nebenfiguren auftauchen wie die Kartenspieler Amca Bey, Holzkopf und Tevfik-Schätzchen. Kunstvoll hält der Autor die Handlung in der Schwebe zwischen absurdem Ufo-Verschwörungsthriller und urbanem Großstadtroman. Immer wenn er die Handlung so richtig hat abdrehen lassen, bietet er eine ganz natürliche Erklärung an. Und er löst damit ein, was sein Anfangssatz verspricht: Sein durch und durch literarisierter Held wird kräftig durchgeschüttelt – und gewinnt das Herz der Leser.

Alper Canigüz: Secret Agency. Deutsch von Monika Demirel. Binooki Verlag, Berlin. 215 S., 15,90 Euro

Quelle: wa.de

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