Rolf Hosfeld Buch „Der Tod in der Wüste“ über den Völkermord an den Armeniern

+
Die Genozid-Gedenkstätte in Eriwan (Armenien).

Von Jörn Funke - Im Juli 1915 erschienen zwei Krankenschwestern in der deutschen Botschaft in Instanbul. Eva Elvers und Thora von Wedel, beide in Diensten des Roten Kreuzes, hatten erfahren, dass Banden, Milizen und reguläre osmanische Truppen in einer Schlucht am Euphrat eine Kolonne deportierter Armenier angegriffen hatten: „Zuerst wurden sie völlig ausgeplündert, dann in der scheußlichsten Weise abgeschlachtet und die Leichen in den Fluss geworfen“. Der Bericht gehört zu den ersten Zeugnissen des Völkermordes an den Armeniern, der 1915/16 mehr als eine Million Menschen das Leben kostete.

Rolf Hosfeld, Kulturwissenschaftler und Leiter des Potsdamer Lepsius-Hauses, hat mit „Der Tod in der Wüste“ eine komprimierte Einführung ins Thema veröffentlicht. Johannes Lepsius (1858-1926), evanglischer Theologe und Orientalist, war das, was man heute als „Aktivisten“ bezeichnen würde: Es gelang ihm 1895, ein Armenier-Pogrom in der heutigen Türkei mit bereits 100 000 Todesopfern zum europaweiten Thema zu machen. Im Frühjahr 1915 reiste Lepisus besorgt ins Osmanische Reich, das gemeinsam mit Deutschland im Ersten Weltkrieg focht.

Die deutsche Botschaft wusste bereits im Juni 1915 von der Bedrohung für die Armenier. Der osmanische Innenminister Mehmet Talaat (1872–1921) hatte gegenüber deutschen Diplometen offen zugegeben, man wolle den Krieg nutzen, um mit inneren Feinden aufzuräumen, ohne durch eine internationale Öffentlichkeit gestört zu werden. Kriegsminister Ismail Enver (1881–1922) gewährt Lepsius zwar eine Audienz, bekräftigte allerdings, die Armenier müssten als „revolutionäre Elemente“ vernichtet werden.

Talaat und Enver gelten heute als Hauptverantwortliche für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts. Hosfeld schildert Grundlagen, Ablauf und Folgen des Völkermordes. Hinter der Vernichtung der Armenier steht nach seiner Einschätzung der Glaube der Verantwortlichen an den ethnisch homogenen Staat – die christlichen Armenier waren nach dieser Denkart unter den mehrheitlich islamischen Türken ein Störelement. Erschwerend kam hinzu, dass Armenier und Griechen der gesellschaftlichen Elite zugerechnet wurden. Sie sollten beseitigt werden, um der türkischen Mehrheit den Weg an die gesellschaftliche Spitze zu ebnen.

Talaat und Enver werden als gefühlskalte Architekten einer neuen Gesellschaft geschildert, die beseitigten, was nicht in ihr Weltbild passte – radikale Modernisierer einer vormodernen Gesellschaft, wie Hosfeld schreibt. Die Schilderung dessen, was 1915/16 in der heutigen Türkei passierte, ist stellenweise nur schwer zu ertragen. Die Armenier wurden ausgesondert auf Todesmärsche geschickt. Den Pogromen in den Heimatorten folgten Massaker am Wegesrand und nicht zuletzt eine entsetzliche Todesrate durch Verhungern und Verdursten.

Deutsche Diplomaten hatten bereits im Juli 1915 ein recht genaues Bild der Ereignisse. Die Botschaft habe interveniert, schreibt Hosfeld – und sei dabei genauso erfolglos geblieben wie die Vereinigten Staaten und der Vatikan. Zwar empfahlen deutsche Diplomaten ein entschiedeneres Vorgehen Berlins gegen den Bündnispartner, mit Reichskanzler Thedor von Bethmann-Hollweg (1856–1921) war das allerdings nicht zu machen. Das Morden ging weiter.

Mehmet Talaat setzte sich nach Kriegsende nach Berlin ab und wurde dort 1921 von einem armenischen Studenten erschossen. Der Attentäter wurde im folgenden Gerichtsverfahren freigesprochen. Für Hosfeld schrieb der Berliner Prozess internationale Rechtsgeschichte, zum ersten Mal thematisierte die Justiz einen Völkermord.

Hosfelds Darstellung ist eine anregende Lektüre, aber nicht mehr als eine Einführung ins Thema. Das bisher umfassendste Werk, Raymond Kévorkians „Le Génocide des Arméniens“ (2006) ist bisher nicht ins Deutsche übertragen worden.

Rolf Hosfeld: Der Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. C. H. Beck: München. 288 S., 24,95 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare