Roger Vontobels „Was ihr wollt“-Inszenierung am Schauspielhaus Bochum

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Viola (Jana Schulz) packt wie ein Sebastian in „Was ihr wollt“ zu: Toby (Matthias Redlhammer, links) und Andrew (Florian Lange) werden in Bochum gedöppt. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Wasser marsch! Viola schockt die eigene Hochzeitsgesellschaft. Mit einem Feuerwehrschlauch spritzt sie das Festdekor, ihre Gäste samt Bräutigam aus dem herrlich beleuchteten Saal. Rabiater lässt sich das bürgerliche Ritual zur Eheschließung kaum versenken. Es ist der kurzweilige Höhepunkt einer ganz famosen „Was ihr wollt“-Deutung, die Regisseur Roger Vontobel im Schauspielhaus Bochum wagt und gewinnt. Endlich mal wieder ein großer Shakespeare-Abend für das Haus.

Viola strandet an den Gestaden Illyriens, und die gefluteten Theaterbretter werden ein mehrdeutiger Ort von vergangenem Chaos und eröffneter Zukunft. Claudia Rohner (Bühne) verzweigt die Wasser-Landschaft bis in den dunklen Hintergrund, wo die Figuren mitunter pausieren, um sich dann wieder im Licht zu zeigen. Vom Schiffsuntergang erzählt „der Narr“, den Jutta Wachowiak als weise Mutter der Erzählhandlung gibt – sparsam und vorsichtig.

Viola hat ihr Korsett eingebüßt und steigt in burschikosen Klamotten als Cesario an Land. Was ist geschehen? So richtig ordnen, wird sie ihr Leben und ihre Geschlechteridentität nicht mehr. Blonder Kurzhaarschnitt, androgyne Figur und ein kühner Blick, hinter dem immer noch die Untiefen der eigenen Seele leuchten. Das ist Jana Schulz als Viola/Cesario/Sebastian in einer verblüffenden Dreifachrolle, die zur Psycho-Tragödie wird. Zwillingsbruder Sebastian, der später das Shakespearesche Verwechslungsmotiv noch steigert, wird in Bochum zu eine Art Selbstverpflichtung der überforderten jungen Frau, die jedem Erwartungsdruck nachgibt und auch in die Rolle des „Ertrunkenen“ schlüpft. Ein Regieeinfall, den Roger Vontobel mit der vorangestellten Hochzeit auf den Weg bringt. Dass Viola den Anforderungen nicht genügt, die an sie herangetragen werden, ist ein Defizit, das viele junge Menschen unserer Zeit erleiden.

Vontobel, der als Hausregisseur inszeniert, schlägt den Bogen aus der Gegenwart an den Hof Olivias, wo die Gräfin am Swimmingpool ihre Lethargie zur Schau stellt. Das weltferne Illyrien Shakespeares wird hier zur Partyzone der Selbstdarsteller. Sir Toby und Andrew sind ein komisches Duo, wie es selten an Theaterhäusern zu erleben ist. Matthias Redlhammer spreizt sich als ordinärer Whiskey-Rocker, der nur Ehrgeiz entwickelt, wenn zur eigenen Belustigung hämische Intrigen nötig sind. Sein Buddy wird von Florian Lange plump, dumm und drollig bewegt, ein Männchen zwischen Liebesillusion und Bierschaum. Wie beide sich auf das unsinnige Duell mit Cesario vorbereiten, ist purer Slapstick und beste Komik. Großartig! Besser lassen sich Shakespeares tölpelhaften Nebenfiguren nicht beatmen. Sie stehlen sogar Malvolio die Schau.

Die Stärke der Inszenierung ist das Komödiantische. Auch Herzog Orsino ist ein selbstverliebter Schwerenöter, dem die Geste letztlich wichtiger ist, als die Liebe selbst. Michael Schütz im roten Hemd und Seidentuch singt: „Wo ist das Grün“ und demontiert Orsino – ab in die Kicherecke. Dass sich Viola in diesen Gockel verliebt, bleibt allerdings eine Behauptung in der Inszenierung, die nicht spürbar wird.

Aus der programmatischen Sentenz Shakespeares „Was ihr wollt“ macht Roger Vontobel eine Grundhaltung der Figuren: Was ich will. Sogar Malvolio wird aggressiv und böse, als ihm der ersehnte Respekt verwehrt bleibt und sein Traum platzt, als Ehemann der Gräfin aufzusteigen. Martin Horn spielt den Hofmeister als stracken Diener, der sich in seiner Verblendung trotzig einrichtet. Die gelben Strümpfe mit den Bändern sind auch in Bochum der erwartete Kracher: lang, grell und trapsig. Friederike Becht spielt das Kammermädchen Maria mit ganzem Körper- und Dessous-Einsatz. Sie verleiht dem Amüsierbetrieb erotische Spritzer. Die Gräfin erscheint erst als Diva, aber wandelt sich dann zum tapsigen Liebesweibchen. Katharina Linder komplettiert diese dichte wie unterhaltsame Ensembleleistung.

Den Soundtrack legt Keith O‘Brian an der Gitarre über die Inszenierung. Mal als Filmmusik, wenn im Pool der „weiße Hai“ nach den Buddys schnappt, mal als Punkrock, wenn das Hochzeitschaos losbricht.

Schein und Sein, die Shakespeare in „Was ihr wollt“ spielerisch auskostet, werden bei Vontobel zu Gegensätzen zwischen denen Viola/Cesario/Sebastian zerrieben wird. Aus der märchenhaften Komödie ist am Ende ein Drama geworden.

Das Stück

Nichts für Shakespeare-Puristen, aber für Theaterfans, die eine kühne Deutung mögen. Witziges, körperlich spürbares Amüsiertheater!

Was ihr wollt am Schauspielhaus Bochum. 11., 16., 22. November. Tel. 0234 / 3333 5555

ww.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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