Roger Vontobel inszeniert Shakespeares „Richard III.“

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Eigentlich spielt er gerne Schlagzeug: Paul Herwig als „Richard III.“ in Bochum. ▪

BOCHUM ▪ Wenn er nicht gerade Meuchelmörder in den Tower schickt, dann setzt sich Richard gerne ans Schlagzeug und trommelt eine Runde. Shakespeares intriganter Held lässt oft Dampf ab im Schauspielhaus Bochum. Regisseur Roger Vontobel nutzt die beachtlichen Talente von Paul Herwig für eine Metapher: Richard III. gibt den Takt vor beim blutigen Geschäft der Regierungswechsel. Mit Keith O‘Brien, der am Gitarrensynthesizer als One-Man-Band das Geschehen romantisch-pathetisch einbettet, verpasst Herwig der Spielzeiteröffnung eine musikalische Schlagseite. Ganz schön laut hier! Von Ralf Stiftel

Der Regisseur begnügt sich nicht mit Shakespeares Drama eines Politgangsters, der die Schwäche seines kranken königlichen Bruders ausnutzt, der Thronfolger, Lords, wen auch immer beiseite schafft, um an die Macht zu kommen. Vontobel setzt früher ein, im Schlussteil von „Heinrich VI.“, um zu zeigen, wie Richard sich entwickelte. Am Anfang sieht die Bühne aus wie die Fortsetzung des Zuschauerraums. Reihen mit Klappsitzen stehen für das Parlament. Auf dem Thron sitzt ein Knabe und daddelt am ipod. Dann kommt Heinrich (Roland Riebeling), der Frühgekrönte, nimmt die Krone, der Knabe geht. Der müde König sehnt sich, „ein Untertan zu sein“.  Durch den Zuschauerraum kommen die York-Brüder wie Demonstranten, krakeelen „Wir sind die Yorks“. Heinrich duckt sich weg. Allenfalls seine Frau Margaret (Jana Schulz) trotzt den Yorks.

Vielleicht will Vontobel Shakespeares Metzelspiel aus der Zeit der Rosenkriege als Sinnbild nutzen für den Vertrauensverlust in die Politik. Es gibt in „Richard III.“ keine legitimen Herrscher, nur Behauptungen. Der Streit darum, wer aufgrund der Erbfolge eher Recht auf die Krone hätte, verhakt sich in Details. Uninteressant. Die Macht entscheidet. Da haben die Yorks die Bürger auf der Straße hinter sich. Kommt Richard auf den Blutgeschmack, als er sieht, wie sein Bruder Heinrichs Sohn mitten in Verhandlungen absticht (die beide Eduard heißen)?

Die Bühne (von Magda Willi) wird umgebaut, wir blicken in den Thronsaal. Nun zerfleischt Richard die eigene Familie. Leider hat Vontobel das Drama nicht klarer gemacht. Der Abend dauert immer noch fast vier Stunden, aber vieles wurde gestrichen. Die Wut der Yorks wäre deutlicher geworden, wenn die Regie Heinrich einige energische Momente gelassen hätte. Warum Richard seine Frau Lady Anne abserviert (bei Shakespeare aus Machtkalkül, weil eine andere Verbindung nützlicher wäre), bleibt ungespielt. Dazu gibt es Videoeinspielungen. Und krachigen Rock.

Vontobel entwickelt schlüssige Ideen. Aber er verspielt vieles durch aufgesetzte Effekte. Richard, schwarz-weiß verwackelt an der Wand, mag sogar das expressionistische Kino anklingen lassen. Aber der reale Mann wirkt doch viel bedrohlicher. Und warum muss die königliche Familie so oft die Bühne queren?

Es sieht in Bochum so aus, als wollte der Mann einfach nur in Ruhe rumtrommeln. Dabei ist Paul Herwig auch ohne Buckel und Klumpfuß ein großer Shakespeare-Schuft. Er bedrängt Heinrichs verwitwete Schwiegertochter nicht am Sarg des von ihm gemeuchelten Königs, sondern im Palastsaal bei einem Glas Wein. Wie elegant lässt sich von seinem Komplizen Buckingham auf den Thron bitten. Quecksilbrig gleitet er über die Bühne, klopft einem Lord jovial auf das Knie und spricht im nächsten Satz dessen Todesurteil.

Vontobel gibt Shakespeares Frauen starke Auftritte. Jutta Wachowiak als Herzogin von York, Richards Mutter, zieht ihm den Stecker raus und hält ihm eine wuchtige Fluchrede. Und Jana Schulz als Margaret agiert streckenweise wie eine Lara Croft, muss von mehreren Schergen zu Boden gezwungen werden. Sie treibt schon Heinrich an, am Ende ist sie diejenige, die dem vom Bürgerkrieg verwüsteten Reich Frieden verspricht. Doch wie sie da steht, martialisch im Halbdunkel, umwabert von düsteren Klängen, mag man diesen süßen Worten nicht trauen.

Richard  III. am Schauspielhaus Bochum.

Termine: 30.9., 5., 13., 27.10., Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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