Roger Vontobel inszeniert Hebbels „Nibelungen“ als Rachegeschichte

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Obenauf ist der listenreiche Intrigant Hagen Tronje (Werner Wölbern), da hilft Siegfried (Felix Rech) die ganze schöne Unverwundbarkeit nichts. Szene aus den Bochumer „Nibelungen“.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Man weiß nicht, ob diese schlanke Figur im löchrigen Pullover Mann ist oder Frau. Es scheint, als wolle Jana Schulz’ Kriemhild das vergessen machen. Sie trägt die Siegfrieds Urne mit sich herum. Und bevor sie dem Werben des Hunnenkönigs Etzel nachgibt, öffnet sie das Gefäß, stopft sich eine Handvoll in den Mund, verreibt sich Asche auf dem Körper, kippt den Rest über sich. Eine archaische Wiedervereinigung. Im grauen Leichenpuder sagt sie ja zur Ehe, die ihr zur Rache an den Nibelungen helfen soll.

Damit stellt Roger Vontobel ein starkes Bild in seine Deutung der „Nibelungen“. Der Regisseur bricht am Schauspielhaus Bochum die Chronologie von Friedrich Hebbels Dramentrilogie. Er beginnt mit dem Schlussstück „Kriemhilds Rache“, zeigt nach dem Ankunft der Witwe an Etzels Hof als Rückblende die Vorereignisse, springt zurück zum blutigen Finale. Vielleicht soll der fünfeinviertelstündige Abend so eine dichtere Struktur erhalten.

Vontobel zeigt, wie schon in seinem Antikenprojekt „Die Labdakiden“, den Verfall einer Familie. Am Anfang stehen die Burgunder vor dem geschlossenen Eisernen Vorhang, die Hände gefaltet, und zu Keith O’Briens Gitarrenakkorden stimmen sie lächelnd das Nibelungenlied an. „Uns ist in alten Mären...“, mittelhochdeutsch schrammeln sie und naiv. Das Lied erklingt noch öfter an diesem Abend. Dann bricht Kriemhild aus, läuft auf den Steg, der quer durch den Zuschauerraum führt (Bühne: Claudia Rohner). Sie spricht den Text noch einmal, nun in Hochdeutsch, als wütende Anklage gegen Siegfrieds Mörder.

Vontobel erzählt das Epos so, als wüssten alle schon Bescheid. Er untergräbt damit die dramatische Struktur des Abends. Was gibt er dafür? Das bleibt unklar. Nicht, dass Hebbels Erzählung nach dem Mittelalter keine Anknüpfung hergäbe an die Gegenwart. Er schildert das ja. Das katastrophale Versagen einer Realpolitik. Die vernichtende Logik einer Gewaltkette. Die Macht des Fanatismus. Aber Vontobel bringt bei aller Lust an Kunstblut diese Motive nicht zum Vorschein, belässt sie im Abspulen des Stoffs.

Vontobel spitzt den Abend zu auf die Kontrahenten Kriemhild und Hagen, die Rächerin und den Mörder. In der Folge erblassen die restlichen Figuren. Selbst der Recke Siegfried verhuscht da zur Nebenfigur. Felix Rech erscheint mit goldener Körperbemalung und im Anzug mit Schuppenmuster, was man als witzige Bebilderung seiner Panzerung durch Drachenblut erscheint. Aber ihm ist keine Ironie erlaubt, er muss das ganze Pathos des 19. Jahrhunderts abliefern. Das gibt uns so gar keine Chance, ihm nahezukommen. In der Hochzeitsnacht liegt er da, während Kriemhild ihm mit dem Wunderschwert Balmung über den unverwundbaren Leib fährt. Das sagt etwas über sie. Aber über ihn? Wenn später Hagen ihn umgarnt, liegen sich die beiden fast wie ein Paar in den Armen. Von da aus könnte man eine Beziehung zeigen. Vontobel lässt sie am Ende auseinander spritzen, heulend wie Wölfe, zwei Alphatiere, für die das Rudel zu klein ist.

Dieser Hagen, immerhin, gewinnt Statur. Der untersetzte Werner Wölbern, in vielen Fernsehrollen bewährter Gast in Bochum, zeigt facettenreich die Dialektik des Täters, den Realpolitiker, der den Schaden begrenzen will und damit immer alles noch schlimmer macht. Wie er Kriemhild das Geheimnis von Siegfrieds verletzlicher Stelle ablistet, da zieht Wölbern die Schurkenregister zwischen Jago-Schmeicheln und Mephisto-Heucheln.

Aber er und Jana Schulz finden keine Kontrapunkte, die dem Stück Kontur gäben. Florian Lange könnte gewiss auch anders, aber er gibt hier den König Gunther von vornherein als Weichling, der hinter dem Rücken der Mutter Schutz vor seiner Gattin sucht und sich von Brunhild anpfeifen lässt: „Stell dich da hin, du bist der König!“ Aber bei Minna Wündrich reicht es auch nur zur Teilzeit-Walküre. Meistens bedient sie Zicken-Klischees. Und wie verschenkt Vontobel im Finale Kriemhilds Schachzug, ihren Sohn zu opfern! Matthias Redlhammer klimpert als Etzel unbeteiligt am Klavier, als Hagen dem kleinen Otnit den Hals aufschlitzt. Wir sehen keinen Vater im Schockzustand, sondern Phlegma. Der Wutausbruch wird nachgeschoben.

Großer Bochum-üblicher Applaus, den der Kraftakt der Darsteller rechtfertigt. Aber der Abend berührt nicht.

Die Nibelungen

am Schauspielhaus Bochum.

Termine: 19., 20.10., 16., 17.11., 28., 29.12.,

Tel. 0234/ 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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