Rockstar Sting symphonisch in der Kölnarena

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Der Rockstar als Heldentenor: Sting gastierte in Köln ,it dem Royal Philharmonic Concert Orchestra. ▪

Von Jörn Funke ▪ KÖLN–Erst war es Reggae, dann Jazz, später kam noch eine Prise Country dazu. Sting war schon immer gut darin, Popsongs mit Zutaten aus anderen Musikrichtungen zu veredeln. „The Police“ machte er so zu einer der größten Rockbands aller Zeiten, eine ausgesprochen erfolgreiche Solokarriere schloss sich an. Derzeit interessiert sich der Sänger und Bassist vor allem für klassische Musik. Am Freitag führte er seine größten Hits mit Hilfe des Royal Philharmonic Concert Orchestras in der Kölnarena auf.

Nach Ausflügen in diverse Genres hatte der Brite zuletzt ein Album mit Liedern des englischen Renaissance-Komponisten John Dowland und eines mit Winter-Balladen veröffentlicht. Der logische nächste Schritt für den ambitionierten Songschreiber war ein Album, das die eigenen Lieder im Orchestergewand zeigt: „Symphonicities“, ein Wortspiel mit dem Titel des letzten „Police“-Albums „Synchronicity“.

Auf der Bühne der Kölnarena sitzen gut 45 Orchestermusiker um Stings fünfköpfige Band herum. Der Star betritt die Szene und begrüßt den Dirigenten Steven Mercurio mit Handschlag – ein klassischer Konzertauftakt. Doch warum das Orchester überhaupt dabei ist, bleibt erstmal unklar. Der Hit-Mix zum Auftakt – „If I Ever Lose My Faith In You“, „Every Little Thing She Does Is Magic“ und „Englishman in New York“ – sorgt für Stimmung, doch Streicher und Bläser setzen die Songs lediglich solide und werkgetreu um. Es ist Popmusik mit klassischen Instrumenten im Hintergrund, nicht mehr.

Dabei darf man das Vorhaben, auf das Sting sich eingelassen hat, durchaus gewagt nennen. Zwar haben schon die Beatles Streicher eingesetzt, um neue Ausdrucksformen für Popsongs zu finden. Doch ein mitreißender Drei-Minuten-Song kann symphonisch arrangiert auch zum Langweiler mutieren. In diese Falle tappt Sting. Die Rotlicht-Romanze „Roxanne“, eigentlich ein Gassenhauer, geht im Geigengesäusel unter. Der Song „I Hung My Head“, den Johnny Cash so schlicht wie ergreifend gecovert hat, ertrinkt im Pathos.

Die breit angelegten Orchester-Versionen reihen sich gut zweieinhalb Stunden lang zu einem eintönigen Soundtrack aneinander. Sting zeigt sich stimmlich auf der Höhe, das Orchester spielt solide und der eine oder andere Solist darf sein Können beweisen. Dennoch bleibt die Show seltsam blutleer, viel mehr als das Wiedererkennen alter Hits ist da nicht drin.

Nur zweimal zeigt sich, dass der Abend mehr hätte bieten können. Für „Russians“ hatte Sting sich 1985 – wie er bekannte – bei Sergej Prokofievs „Leutnant-Kisha“-Suite bedient. Das heiter-melancholische Motiv verlieh dem Entspannungssong damals eine gewisse Leichtigkeit. Davon ist die neue Version meilenweit entfernt. Stings Rückblick auf den Kalten Krieg ist düster, das Orchester marschiert musikalisch in eine vergangene Zeit, und im Sowjetpathos klingt die Mahnung, dass auch die Russen ihre Kinder lieben, nur noch ganz leise durch.

Die zahlreichen außermusikalischen Einflüsse auf sein Werk hat der aufstiegsorientierte Bildungsbürger Sting immer munter aufgezählt. Koestler, Nabokov und Shakespeare tauchen in seinen Liedern auf. Auch Anne Rices Vampir-Romane lieferten 1985 eine Song-Vorlage ab. In Köln gibt Sting den Erzähler: Einem Vampir sei er noch nie begegnet. Doch eines Nachts in New Orleans...

Das Orchester zelebriert das einst so melancholische „Moon over Bourbon Street“ als Gruselgeschichte mit Sting als einer Art Mini-Nosferatu. Es bleibt einer der raren Momente, in denen ein Symphonieorchester zeigt, dass es einen Popsong neu interpretiert kann.

Quelle: wa.de

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