Organisator und Fans wehmütig

Abschied vom Nürburgring - Ende der Fehlplanungen?

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NÜRBURGRING/EIFEL - Zum Abschluss ein Bad in der Menge: Konzertveranstalter Marek Lieberberg hat sich persönlich von seinen Fans bei Rock am Ring verabschiedet.

Von Sabine Fischer

Kurz vor dem Auftritt der Fantastischen Vier betrat Lieberberg die Hauptbühne und dankte den Tausenden von Menschen, die sich vor der Bühne versammelt hatten, für ihre Loyalität und Treue. Nach 29 Jahren ist Schluss am Ring und das Festival zieht um – aller Wahrscheinlichkeit nach Mönchengladbach.

Lieberberg schüttelte zahlreiche Hände, klopfte auf Schultern. Obgleich er eine „optische Brille“ trug, die ähnlich einer Sonnenbrille seinen Blick verdunkelte, war dem Festival-Vater die Rührung anzusehen. „Wir sind der Ring, wir sind der Ring“, skandierte er gemeinsam mit den Fans, die dicht an dicht standen und den Jubel über Minuten zur Gänsehautstärke steigerten.

Lieberberg suchte zu den Klängen von „Ein Kompliment“ (Sportfreunde Stiller) den Kontakt zu den Menschen. Auch etliche Bands griffen am Abend den Umzug des Kult-Festivals auf – Ironie war das Mittel der Wahl. So deklarierten die Fantastischen Vier ihren Hit „Sie ist weg“ zum Song des Jahres 2015 und Jan Delay lud zum Stopp-Tanzen ein. Schweige die Musik, bedeute das so viel wie „Grüne Hölle“, dann tanze am Ring niemand mehr, witzelte der Star mit den markanten Nasalen und die Menge folgte der Aufforderung. Nach Lieberbergs erzwungenem Abzug vom Ring wollen die neuen Betreiber in 2015 eine Konkurrenzveranstaltung unter dem Emblem „Grüne Hölle“ an den Start bringen.

Ring unter Beobachtung

Als einer der wichtigen Arbeitgeber in der Region steht der Ring natürlich unter Beobachtung. Viele Eifeler kommen aus dem Kopfschütteln nicht heraus, denn in den vergangenen Jahren häufen sich die Fehlplanungen. Eine der schnellsten Achterbahnen der Welt steht seit Jahren still – die Jungfernfahrt mit Boris Becker sei wohl die einzige Runde gewesen, die der Fahrbetrieb je gedreht habe, witzelt man. Und selbst dabei habe man wohl den Fuß kaum von der Bremse genommen, habe man doch gehofft, der Start möge die Fahrt heil überstehen...

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Ein Abschlussbericht von Rock am Ring 2014 folgt im Lauf des Montags!

Parallel entstanden ist unter dem Logo „Grüne Hölle“ in Höhe der Norschleife ein Eifel-Dorf, das mit dem ehrgeizigen Ziel gestartet war, eine Art Sauerlandstern der Vulkaneifel zu werden. Mit Steakhouse, Achterbahn, Discothek, Klettergarten und Lindner-Hotel sollte es die Rundumversorgung für erlebnishungrige Party-People bieten, Klettergarten und 3D-Kino inklusive. Die Rechnung ging nicht auf – Pleiten, Pech und Pannen begleiteten das Projekt, das im wahrsten Wortsinn aus dem Boden gestampft wurde. Gefreut hat es die Jugend in den umliegenden Dörfern: Veranstaltungen zu Halloween und ähnlichen Anlässen lockten bis zu 2000 Besucher aus der Region, in der die Grenzen zwischen den sonst sehr deutlich gezogen sind. Der Blick richtet sich allenfalls in den Nachbarort oder die Nachbarstadt; die lokalen Medien tragen dem Rechnung und berichten ortsbezogen.

Ein ortsübergreifender Treffpunkt – vielen jungen Menschen gefiel das. Aber finanzieren lässt sich die Grüne Hölle damit nicht. Auch das Kino wurde von der Jugend begeistert aufgenommen, weil es ein Novum war. Doch in dem Novum waren gegen Ende maximal zwei Blockbuster zu sehen.

Bilder vom Ring 2014:

Rock am Ring 2014 - letztes Mal am Nürburgring

Nachdem das Unternehmen Capricorn den insolventen Ring für 77 Millionen Euro gekauft hat, sollen rund 25 Millionen Euro in Erneuerungen fließen. Der Konzern kündigte bereits kurz nach der Übernahme im März diesen Jahres an, das Eifel-Dorf Grüne Hölle samt Achterbahn zu demontieren und einen Neuanfang mit Neuausrichtung zu wagen. Mit Automobil-Technologie will Capricorn einen neuen Schwerpunkt setzen und den Ring zu seinen Wurzeln zurückführen. Einen Rock-am-Ring-Klon will das Unternehmen zudem mit entsprechenden Partnern an den Start bringen.

Schon im Zuge der ersten Werbekampagnen wird scharf gegen Rock-am-Ring-Veranstalter Marek Lieberberg geschossen: Die neue Veranstaltung „Grüne Hölle“ soll deutlich rockiger ausfallen.

Die Eifeler nehmen die Bewegungen am Ring mit Humor. Die einen bedauern, dass der Eifel eine Kult-Veranstaltung abhanden kommt, die anderen sind der Ansicht: „Es kommt etwas Neues und mit dem Neuen kommen auch neue Jobs und geringfügige Beschäftigungsverhältnisse.“ Die Region hat Rock am Ring getragen und als wichtigen touristischen Baustein begriffen. Dort verdient man Geld mit Ferienwohnungen, reizvoller Natur, gemütlichen Biergärten unter alten Bäumen, zahlreichen Wanderwegen und Motorradtouren sowie dem Jacques-Berndorf-Mythos.

Wer zu Rock am Ring eine Ferienwohnung gebucht hat, kommt meistens und gerne wieder – nicht nur zum Rocken. Und so haben sich im Laufe der Jahre viele Solidargemeinschaften gebildet. In etlichen Orten und Dörfern bieten Privatpersonen mit Bullis und Limousinen Taxidienste für die Gäste an, die sie sich allenfalls mit einem Trinkgeld vergüten lassen. Einheimische klauben betrunkene Jugendliche von den Straßen, wenn diese sich selbst gefährden, funktionieren ihren Vorgarten zum Zeltplatz um, geben Tipps, schwingen sich ins Auto von Fremden, um Navidienste zu übernehmen und schmieren zur Not auch mal ein Butterbrot für die Ringrocker. Darüber hinaus ist in nahezu jeder Familie am Ort mindestens ein Mitglied zu finden, das oben am Ring bereits gejobbt oder gearbeitet hat.

Der Ring ist ein Teil der Region, eingebettet in gewachsene Strukturen. Grundsätzlich offen steht man in der Eifel dem neuen Herrn des Rings gegenüber. Und hofft, dies möge nun das Ende der Fehlplanungen sein.

Quelle: wa.de

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